Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Fortschritt eine Schnecke ist, dann hat Verteidigungsminister Rudolf Scharping ihn jetzt vorgelegt. Ziemlich genau 17 Jahre nachdem ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister, Hans Apel nämlich, beschloss, ein Controlling-System auf der Hardthöhe einzurichten, ist es nun endlich so weit. Rudolf Scharping stellte vergangene Woche seine Leitlinien für ein Modernes Management in Verwaltung und Streitkräften vor, in denen die betriebswirtschaftliche Kosten- und Leistungsrechnung sowie das Controlling eine zentrale Rolle spielen sollen. Bis zum Jahr 2004 sollen 75 Prozent aller Dienststellen und 90 Prozent der Belegschaft nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden. Weil der Verteidigungsminister sein Konzept mit großer Ruhe und viel Verständnis für sein Personal - immerhin 474 000 Beschäftigte - angeht, blieb diesmal der große Aufschrei aus, den Hans Apel noch mit seinen Plänen provoziert hatte.

Mit zügiger Verwirklichung ist zu rechnen. Es sei denn, Scharping widerführe ein ähnliches Schicksal wie seinerzeit Apel, der 1982 beim Regierungswechsel sein Amt verlor. Damals fegte der Nachfolger Manfred Wörner Apels gut durchdachte Effizienzpläne vom Tisch. Pannen und Pleiten für die Bundeswehrrüstung und die Steuerzahler waren die Folge.

Wie Geld gespart werden kann, belegt auch die von Scharping anvisierte Verlagerung von Bundeswehraufgaben. Er will private Anbieter nutzen, wo immer das möglich ist. So könnte beispielsweise die Ausschreibung der Stromversorgung in einem der zahlreichen Wehrbereiche zu einer Kostenreduzierung um 36 Prozent führen - von 51 Millionen auf 33 Millionen.

Damit dürfte Scharpings Opfer für Finanzminister Hans Eichel - die Rede ist von 1,5 Milliarden Mark notwendiger Einsparungen im Wehretat - freilich noch nicht erfüllt sein. Dafür stehen allerdings einige Ausgabenposten zur Disposition, die mehr Geld bringen könnten. Scharping überlegt, ob nicht eine Reihe von Aufgaben, die von der Bundeswehr für Dritte wahrgenommen werden, aufgegeben oder künftig nur noch gegen Entgeld übernommen werden. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr etwa, die von den VIPs aller Ressorts genutzt wird, gehört ebenso dazu wie die Bekämpfung der Umweltverschmutzung, bei der die Scharping-Truppe außerhalb militärischer Notwendigkeit bisher kostenlos hilft.

Das finanzielle Volumen solcher Nebenaufgaben bezifferte der Minister immerhin auf rund zwei Milliarden Mark. Etwas schwerer dürfte sich der Chef der Hardthöhe womöglich mit einem Anliegen tun, das ihm der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Helmut Wieczorek (SPD), aufgrund eines Antrags der Koalitionsfraktionen angetragen hat: Die überflüssige Geheimhaltung der Verteidiger soll endlich beendet werden. So wird die Hardthöhe aufgefordert, die Einstufung von Verschlusssachen, also internen Informationen des Ministeriums mit den Sicherheitsvermerken - "Nur für den Dienstgebrauch", "Vertraulich", "Geheim" und "Streng Geheim" - auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Ob sich Beamte und Offiziere des Verteidigungsministeriums darauf einlassen, bleibt noch abzuwarten. Dabei müssten die Verantwortlichen doch längst mitbekommen haben, dass in Bonn wirklich nur das geheim bleibt, was gar nicht eingestuft wird. Aber manche Erkenntnis braucht eben ein bisschen länger.