Geprägt wohl durch literarische Vorlieben von mir - im "Butt" schon angezeigt und dann im "Treffen von Telgte" explizit - habe ich eine Neigung zum 17. Jahrhundert, auch ein schreckliches Jahrhundert. Aber ich habe mir nie eine Idylle ausgesucht. Ja, dieses 17. Jahrhundert, dieses barocke Jahrhundert, das ist schon eines, in dem ich mich sehen könnte.

Allerdings weckt die Lektüre des Buches das Gefühl, Sie fühlten sich trotz aller Wirrnisse und Schrecken wohl im 20. Jahrhundert. Sie lieben es?

Wir sprechen wieder von dem glücklichen Steinewälzer. Das ist mein Jahrhundert - ich habe es mir nicht aussuchen können. Ich lebe in dieser Zeit und nehme sie in ihrer Vielfalt wahr. Und reagiere auf sie.

Diese Summe, das Credo des neuen Buchs ist auch ein großes "Vergebens!"

Sisyphus ist nichts anderes als das Wissen, dass der Stein oben nicht liegen bleibt - und dann das Jasagen dazu. Für mich gäbe es keine schrecklichere Vorstellung als die, dass der Stein eines Tages oben liegen bliebe. Das wäre das Ende. Dem entspricht auch mein Misstrauen gegen jegliche Ideologie, ob sie von links oder rechts kommt: Immer verspricht sie der Menschheit, dass der Stein eines Tages oben liegen bleibt. Das Paradies. Alle Utopien arbeiten mit dieser Verheißung: Der Stein wird, wenn alles so läuft, wie es meine Utopie vorschreibt, eines Tages oben liegen.

Warum hat es in diesem Jahrhundert so viel mehr Ideologie gegeben als früher?

Sicher hängt es zusammen mit der Entmachtung der religiösen Versprechungen. Die katholische Kirche und auch die protestantische ist ja nie davon abgekommen, angesichts der Welt als Jammertal, das himmlische Paradies zu verheißen - das war fester Glaubensbestand. Und dieser Glaubensbestand ist spätestens im Verlauf der Aufklärung, ganz gewiss im 19. Jahrhundert nicht mehr tragfähig gewesen, er ist es bis heute nicht. In diese Bedeutungslücke oder Deutungslücke sind die Ideologien hineingekommen.