In fast allen Hütten sah ich hölzerne Tafeln und Stäbe, die mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt waren", schrieb der französische Missionar Eugène Eyraud 1864 in einem Brief an seinen Vorgesetzten. Der Brief kam von der Osterinsel, jenem kleinen Eiland mitten im Pazifik, 4000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt. Rongorongo nannten die Einheimischen die mit Haifischzähnen oder Obsidiansplittern in Holz geritzten Zeichen. Keiner der Osterinsulaner konnte dem Kirchenmann die Bedeutung dieses Mysteriums erklären.

Auch der abendländischen Wissenschaft ist es seither nicht gelungen, das Geheimnis der zentimetergroßen Zeichen zu lüften, obwohl selbst Laien auf den ersten Blick stilisierte Vögel, Fische und Menschen erkennen können. Nicht einmal Ursprung und Alter der hölzernen Geheimnisträger konnten geklärt werden. Viele selbst ernannte Forscher und Visionäre entwickelten skurrilste Theorien. Sie suchten den Ursprung der Schrift nicht nur bei den Hochkulturen von Südamerika, sondern auch bei Aliens und Ufos. Inzwischen gehen die meisten Ozeanisten davon aus, dass die Rongorongo-Zeichen niemals entziffert werden können.

Dietrichs Credo lautet: "Ein Fisch ist kein Fisch, ein Vogel ist kein Vogel, und ein Mensch ist kein Mensch. Die bildhaften Zeichen in Rongorongo sind niemals das, was sie darstellen." Für Dietrich sind die mysteriösen Figuren Symbole für Sterne, Planeten und Sternkonstellationen, die den polynesischen Navigatoren als Wegweiser auf hoher See dienten.

Die Rongorongo-Forschung ist ein schwieriges Feld. Nur 25 Tafeln mit insgesamt 12 000 Hieroglyphen sind erhalten geblieben. Die wichtigsten Funde sind in den Museen von Santiago de Chile, Rom, London und St. Petersburg zu bestaunen. Von Rapa Nui - so nennen die Einheimischen ihre Insel - sind die Relikte der ozeanischen Urväter restlos verschwunden.

Einig sind sich die Wissenschaftler, dass Rongorongo aus ungefähr 120 Basiszeichen besteht, die sich zu 1500 Kombinationen zusammenfügen lassen. Am unteren Ende der Tafel beginnend, wird das Zeichensystem von links nach rechts gelesen. Da jedoch jede zweite Zeile auf dem Kopf steht, muss die Tafel jeweils am Zeilenende um 180 Grad gedreht werden.

Michael Dietrich kam der Zufall zur Hilfe, als er in einer kalten Januarnacht des Jahres 1992 sein Teleskop auf das Sternbild des Orion richtete, genauer gesagt auf die Gürtelsterne - drei Gestirne, die jeweils in gleichem Abstand auf einer Linie angeordnet sind. Dietrich überlegte, wie er die Gürtelsterne bildhaft darstellen würde. Schließlich skizzierte er drei untereinander angeordnete Kreise, verbunden mit einem Strich. Plötzlich wurde ihm klar, dass er in dieser Nacht am südlichen Sternenhimmel eines der häufigsten Zeichen in Rongorongo sah.

Aber natürlich sind die Zeichen keine simplen Abbilder von Sternkonstellationen und Planeten. Nach Dietrichs Auffassung spiegeln sie die Mythen wider, die sich in Ozeanien um die Gestirne ranken. Die Himmelskörper gelten im Pazifikraum als sichtbare Erscheinung der Athua - der vergöttlichten Ahnen, die nach ihrem Tod am Himmel weiterleben.