Raus. Sie wollten einfach nur raus. Raus aus den zerstörten Städten, für ein paar Tage raus aus der Tristesse der Nachkriegszeit. Sie waren jung, sie waren lebensdurstig, aber sie hatten kaum Geld. Es muss ihnen wie das Paradies erschienen sein: ein weit gestreutes Dorf mit intakten Bauernhäusern, beschützt von bewaldeten Bergen, blühende Wiesen vor imponierender Gebirgskulisse, zur Begrüßung eine Blaskapelle und abends Musik und Tanz im Kurhaus. Acht Tage Vollpension (Frühstück mit Bohnenkaffee), Schuhputzen (1Paar), Licht und Unterhaltungsabende inklusive, Anreise im Sonderzug ab Bochum für 126, ab Hamburg für 132 Mark. Ihr Paradies trug den Namen Ruhpolding.

Was machte es da schon aus, dass man sich die Zimmer mit wildfremden Menschen teilen musste, nicht im Hotel, sondern in den Privatbetten der Vermieter schlief und die Bettwäsche mitzubringen hatte. Man war bescheiden beim ersten Urlaub nach dem Krieg.

Bald karrte er die Deutschen sonderzugweise in den kleinen Ort Golling im Salzburger Land. Mit der 1000-Mark-Sperre - jeder musste diese Summe bezahlen, bevor er nach Österreich fahren durfte - verdarb ihm Hitler das Geschäft. Für Pfingsten 1933 hatte Degener 500 potenzielle Gäste, aber kein Ziel. Innerhalb von Tagen disponierte er um. Ruhpolding, schön gelegen, mit Bahnanschluss und mit ersten Erfahrungen im Zimmervermieten, sprang Hals über Kopf ein. Degener hatte den Tipp von einem Bahnhofswirt bekommen, er selbst war nie dagewesen. So rollten die Sonderzüge aus Berlin und Leipzig nun in den oberbayerischen Chiemgau.

Es klappte recht und schlecht. Das größte Problem war, die touristischen Heerscharen in dem "entzückenden Luftkurort" zu verpflegen. Schon ein Jahr später stand, noch eher barackenähnlich, das Kurhaus: Der Grundstein für die weiteren Erfolge war gelegt. Die Übernachtungszahlen stiegen unaufhaltsam, über 200 000 waren es schon 1936, weit mehr als die Hälfte dank Degener. Längst hatten auch die Nationalsozialisten dessen Urlaubsprinzip aufgegriffen. Sie verschickten die Deutschen, allerdings noch viel günstiger, mit ihrer Organisation Kraft durch Freude. Dr. Degener aber blieb der zweitgrößte Reiseveranstalter. Mit ihm fuhr, wer nicht mit KdF reisen konnte. Ruhpolding behielt er fest im Griff.

Dann kamen andere: Ausgebombte und Evakuierte, verwundete Soldaten auf Sonderurlaub. 1945 waren 1700 Flüchtlinge in Ruhpolding untergebracht und Degener hatte Arbeitsverbot. Der elegante Herr, immer mit Hut und Glacéhandschuhen, transportierte keine Touristen mehr, sondern Holz auf einem Eselskarren.

In Berlin ausgebombt, hatte sich Degener schon zur Kriegszeit in seiner Goldgrube Ruhpolding niedergelassen. Als er seine Lizenz wiederhatte, eröffnete er sofort ein Reisebüro. Nun musste er nur noch die Ruhpoldinger dazu bringen, an das Boomgeschäft der Vorkriegsjahre anzuknüpfen. Die Betten aber waren vergeben, und die Flüchtlinge protestierten gegen die Tourismuspläne. Die Einheimischen jedoch erinnerten sich gerne an die guten, gewinnbringenden Zeiten. Degener predigte "Selbsteinschränkung" und konnte bald seine Mitbürger überzeugen, eng zusammenzurücken und die eigenen Zimmer frei zu machen für Feriengäste.

Ab 1949 rollten sie wieder regelmäßig - die Sonderzüge, diesmal aus dem Norden und aus dem Ruhrgebiet. Um das Geschäft zu optimieren, hatte sich Degener im Oktober 1948 Unterstützung geholt, das Deutsche Reisebüro (DER), das Amtliche Bayerische Reisebüro (ABR) und Hapag-Lloyd. Zusammen gründeten sie eine Arbeitsgemeinschaft, um "für alle Bevölkerungsschichten preiswerte Erholungsreisen auf breiter Basis zu schaffen". 1951 entstand daraus das Reiseunternehmen Touropa - geschäftsführender Gesellschafter Dr. Carl Degener.