Was hatten wir in Calcutta zu suchen? Was zog mich dorthin? Die "Rättin" und den Überdruß an deutschen Schlachtfesten im Rücken, zeichnete ich Müllberge, Straßenschläfer, die Göttin Kali, wie sie aus Scham die Zunge zeigt, sah Krähen auf gehäuften Kokosschalen, den Abglanz des Empire in grün überwucherten Ruinen und fand, so namentlich alles zum Himmel stank, vorerst keine Worte. Da träumte mir ...

Aber bevor mir so folgenreich träumte, soll nagende Eifersucht eingestanden werden, denn Ute, die immer und vielerlei liest, las, solange sie dünner und dünner werdend Calcutta ertrug, einen Fontane nach dem anderen; wir hatten ja, als Gegengewicht zum indischen Alltag, viele Bücher im Gepäck. Aber warum las sie nur ihn, den hugenottischen Preußen? Warum so leidenschaftlich und unter laufendem Ventilator den plaudernden Chronisten der Mark Brandenburg? Warum unter bengalischem Himmel und überhaupt Theodor Fontane? Da träumte mir mittags ...

Da träumte mir mittags, während ich unterm Moskitonetz lag, etwas kühl Nördliches. Ich sah vom Fenster meines Dachbodenateliers hinab in den Wewelsflether Garten, den Obstbäume beschatten. Nun habe ich diesen Traum zwar schon oft und vor wechselndem Publikum in Variationen erzählt, doch dabei manchmal vergessen zu erwähnen, daß das Dorf Wewelsfleth in Schleswig-Holstein an der Stör, einem Nebenfluß der Elbe, liegt. Also sah ich im Traum unseren holsteinischen Garten und in ihm den reich tragenden Birnbaum, unter dessen Schattendach Ute an einem runden Tisch und einem Mann gegenüber saß.

Ich weiß, man kann Träume - besonders solche, geträumt unterm Moskitonetz und schweißgebadet - nur schlecht erzählen: alles gerät zu vernünftig. Aber diesen Traum irritierten keine Nebenhandlungen, kein zweiter oder dritter Film flimmerte traumgerecht, vielmehr verlief er linear und war dennoch folgenreich, weil mir jener Mann, mit dem Ute plaudernd unterm Birnbaum saß, bekannt vorkam: ein weißhaariger Herr, mit dem sie plauderte, plauderte und dabei schöner und schöner wurde.

Nun mißt man in Calcutta während der Monsunzeit eine Luftfeuchtigkeit von achtundneunzig Prozent. Kein Wunder also, daß ich mir unterm Moskitonetz, das der Ventilator, wenn überhaupt, dann schwach bewegte, etwas kühl Nördliches erträumte. Aber mußte der alte Herr, der lächelnd und zutraulich mit Ute unterm Birnbaum plauderte und auf dessen Weißhaar Lichtkringel spielten, unbedingt Theodor Fontane gleichen?

Er war es. Ute bändelte mit ihm an. Sie hatte etwas mit einem berühmten Kollegen von mir, der erst im hohen Alter Roman nach Roman zu Papier gebracht hat; und in einigen seiner Romane ging es um Ehebruch. Bisher kam ich in dieser geträumten Geschichte nicht oder nur als weit entfernter Zuschauer vor. Die beiden hatten an sich genug. Deshalb träumte ich mich nun eifersüchtig. Das heißt, Klugheit oder Schläue gebot mir im Traum, aufkommende Eifersucht verdeckt zu halten, weise oder listig zu handeln, also mir einen im Traum nahe stehenden Stuhl zu greifen, mit ihm treppab zu steigen und mich im Garten unter dem angenehm kühlen Schatten des Birnbaums zu dem Traumpaar, zu Ute und ihrem Fontane, zu setzen.

Fortan - und das sage ich immer, wenn ich diesen Traum erzähle - führten wir eine Ehe zu dritt. Die beiden wurden mich nicht mehr los. Ute gefiel sogar diese Lösung, und mit Fontane machte ich mich mehr und mehr vertraut, ja, ich begann, noch in Calcutta, alles von ihm zu lesen, was greifbar war, zum Beispiel seine Briefe an einen Engländer namens Morris, in denen er sich als weltpolitisch kundig zeigte. Gelegentlich einer gemeinsamen Rikschafahrt ins Stadtzentrum - Writers Building - befragte ich ihn deshalb, was er von den Nachwirkungen der britischen Kolonialherrschaft und der Teilung Bengalens in Bangladesh und Westbengalen halte. Mit ihm war ich einer Meinung: Diese Teilung könne nur schwerlich mit der gegenwärtigen deutschen verglichen werden, und an eine bengalische Wiedervereinigung sei kaum zu denken. Und als wir später auf Umwegen nach Wewelsfleth an der Stör zurückkehrten, nahm ich ihn gutwillig mit, das heißt, ich gewöhnte mich an ihn als einen unterhaltsamen, gelegentlich launischen Hausgenossen, gab mich nunmehr als Fontane-Fan und wurde ihn erst los, als sich in Berlin und anderswo die Geschichte als Wiederkäuerin bewies und ich ihn, mit Utes freundlicher Erlaubnis, beim plaudersüchtigen Wort nehmen durfte, indem ich seine verkrachte Existenz in unser zu Ende gehendes Jahrhundert fortschrieb. Seitdem er - gefangen in dem Roman "Ein weites Feld" - seiner Unsterblichkeit lebt, gelingt es ihm nicht mehr, meine Träume zu beschweren, zumal er als Fonty gegen Schluß der Geschichte, verführt von einem jungen Ding, in den Cevennen und bei den letzten dort überlebenden Hugenotten untergetaucht ist ...