Dresden Dunkeldeutschland! Das war eine der subtileren Bosheiten, mit denen sich westliche "Aufbauhelfer" über Eigenarten ihrer neuen Heimat zu mokieren pflegten. Den lichtverwöhnten Neuankömmlingen machte in den ersten Jahren nach der Wende eine ungewohnte Dunkelheit zu schaffen. Elektrisches Licht, verschwenderisch in die Nacht gegossen, ist Ausweis des Wohlstandes. Und um die Wirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik stand es ja bekanntlich nicht besonders. Realsozialistischer Schlendrian tat ein Weiteres dazu, dass man vielerorts auf den Straßen zwischen Rostock und Chemnitz nachts nicht die eigene Hand vor Augen sehen konnte. "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes", hatte der alte Lenin gepredigt und wurde von den eigenen Leuten Lügen gestraft.

Es gab aber auch - wundersame DDR - Inseln des Lichts inmitten dieser urweltlichen Düsternis. Zumindest dort, wo es zwecks "Schaufenstereffekt" geboten schien - in den Innenstädten von Berlin, Leipzig, Dresden etwa -, konnten die Lichttechniker der DDR auftrumpfen und ein Neonfeuerwerk abbrennen, das den Westen in schlechtem Licht erscheinen lassen sollte.

Leipzig, die Messestadt, wollten die DDR-Machthaber sogar zur "Stadt des Wassers und des Lichts" herausputzen und damit bei ausländischen Messegästen Eindruck schinden.

Auch Dresden war als Aushängeschild mit Leuchtreklamen reich bestückt. "Das war hier ein Lichtermeer", erinnert sich Dietrich Meyer, der früher mit der Wartung der aufwendigen Apparate beschäftigt war. Die Dresdner Innenstadt konnte sich, wenn man dem Manne glaubt, zu Honeckers Zeiten zumindest optisch an Vorbildern aus der freien Markt- und Werbewirtschaft messen lassen. Etwa 300 Anlagen hätten die Nacht zum Tage gemacht, erzählt Dietrich Meyer.

Heute ist von alledem fast nichts mehr übrig geblieben. Auf einem Hochhaus nahe dem Zwinger steht zwar noch ein Stahlgerüst, auf dem man bei Tageslicht den freundlichen, wenn auch etwas hausbackenen Willkommensspruch Dresden grüßt seine Gäste erkennt. Die Neonröhren, aus denen die Buchstaben geformt sind, sind aber längst abgeschaltet.

Seit ein paar Monaten erloschen ist auch die stadtbekannte Neonreklame für Mineralwasser der Marke Margon unweit der Prager Straße. Es war wohl die letzte ihrer Art in Dresden. Ausgesprochen geschmackvoll wirkte das stilisierte Wasserglas mit den leuchtenden Blubberbläschen und der Unterschrift Trink Margonwasser - prickelnd frisch!. Immerhin haben Sachsens Denkmalschützer den künstlerischen Wert der Leuchtreklame erkannt und das Stück gerade noch rechtzeitig vor der drohenden Demontage unter Schutz gestellt.

Herr Meyer kommt ins Schwärmen, wenn er von der bunten Neonpracht vergangener Tage erzählt. "Da haben die Leute gestanden und gestaunt. Humorvolle und künstlerisch wertvolle Werbung ist das gewesen." Etwas ungelenk beschreibt er die Reklame eines Herrenausstatters: "Adam und Eva, die waren erst nackt und wurden dann mit Schalteffekten angezogen." Auf der Hauswand der Gewandhausgaststätte habe ein Koch dampfende Knödel präsentiert. Die Klöße und die Rauchfahne, alles aus Licht! Oder die schnittige Interflug-Reklame!