Bitte nix Polizei lautet der Titel eines Buches von Aras Ören, der, aktualisiert durch die Abschiebung des jungen Mehmed, der in Deutschland entstehenden "Gastarbeiterliteratur" als Motto dienen könnte, wobei dieser Begriff so unscharf wie irreführend ist. Dass es daneben noch eine Literatur gibt, die sich nicht in Sozialkritik oder politischem Protest erschöpft, hat sich hierzulande, wo selbst Türken der dritten Generation als Gastarbeiter gelten, kaum herumgesprochen.

Eine solche Literatur, die den ethnisch-religiösen Diskurs der Fundamentalisten ironisch bricht und mit intelligent erzählten Geschichten ad absurdum führt, gibt es beispielsweise in Paris, wo der an der Sorbonne lehrende Nedim Gürsel lebt und schreibt. Voraussetzung dieser Literatur, die nichts als Literatur sein will, ist die konsequente Abkehr von der Gegenwart, wie sie der Autor in seinem neuen Roman vollzieht, indem er die geografische Distanz zur Türkei durch Abtauchen in eine schon mythische Vergangenheit noch verstärkt. Der Eroberer ist der deutsche Titel des in Frankreich hochgelobten Romans, der die Geschichte von Mehmed II. erzählt, auf Arabisch el fatih, der Eroberer, weil dieser durch die Einnahme Konstantinopels 1453 das Osmanische Reich zur Weltmacht machte.

Mehmed II. war ein Zeitgenosse von Machiavelli und Kolumbus, ein Förderer westlicher Wissenschaft und Kunst, der sein Porträt von Bellini malen ließ, Verse schrieb, Rosen züchtete und für islamische Mystik schwärmte, während er Städte entvölkerte, seine Feinde köpfen, pfählen oder erdrosseln ließ und es im Harem mit hübschen Griechenknaben trieb. In der westeuropäischen Geschichtsschreibung gilt Mehmed als der orientalische Despot.

Dass Nedim Gürsel ein realistisches Bild von Fatih dem Eroberer entwirft, hat ihm in seiner Heimat den Vorwurf eingebracht, er sei ein Vaterlandsverräter, was in der Türkei umso schwerer wiegt, als Mehmed für die Fundamentalisten ein Heiliger ist. Nach Erscheinen seines Buches erhielt Gürsel Morddrohungen.

Der scheinbar unpolitische Roman ist tatsächlich ein Politikum, weil er am Beispiel der Gründungsmythen des Osmanenreichs den nationalen Taumel kritisiert, der die Türkei während ihres 75. Staatsjubiläums erfasste: einen Akt von Selbstbeweihräucherung, die sich mit Intoleranz und religiösem Fanatismus paart.

Nedim Gürsel malt kein naives Historienbild, sondern bezieht, in postmoderner Weise, die Entstehung des Romans in den Roman mit ein. Das Buch beginnt in einem heißen Sommer in Istanbul. In einer gemieteten Villa am Ufer des Bosporus gewährt der Ich-Erzähler einer von der Polizei gesuchten Terroristin Zuflucht. In einem Anfall von Amour fou tötet er am Ende die Geliebte und wird so zum Wiedergänger von Mehmed dem Eroberer, wie die Zeilen von Marcel Proust verraten, die dem Roman vorausgehen:

"Dieser Sultan hatte, als er inne wurde, dass er eine seiner Frauen bis zum Wahnsinn liebte, sie kurzerhand erdolcht, um - wie sein venezianischer Biograf ganz naiv berichtet - die Freiheit seines Geistes wiederzuerlangen."