Normalerweise verbreiten Berichte von Ethik-Kommissionen vor allem Langeweile, das allerdings geschieht auf hohem fachlichem Niveau. Da inzwischen jeder Weltkonzern, jedes Großkrankenhaus und jede Provinzregierung in heiklen Dingen eine Ethik-Kommission an- oder gar beruft, ist der Fallout an entsprechenden Papieren nicht mehr zu überblicken. Nun hat die Bioethik-Kommission von Rheinland-Pfalz einen knapp 100-seitigen Bericht abgeliefert. So weit, so gewöhnlich.

Doch bereits sein Thema, die Präimplantationsdiagnostik (PID), lässt aufhorchen, dreht es sich doch um eine langjährige Streitfrage in der Fortpflanzungsmedizin, die bundesweit die Gemüter aufwühlte und sich in Schlagzeilen niederschlug wie "Neue Eugenik", "Menschen nach Maß" oder "Babys ohne Makel". Rein theoretisch ermöglicht die PID-Technik eine umfassende genetische Prüfung all jener Embryonen, die außerhalb des Mutterleibes erzeugt wurden (durch eine In-vitro-Fertilisation, kurz IVF). Da inzwischen weltweit mehr als 300 000 "Retortenbabys" geboren sind und Reproduktionsexperten wie Carl Djerassi in der Kombination von In-vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik die künftige Fortpflanzungsstrategie der Avantgarde sehen (siehe ZEIT Nr. 27), ist die Sorge berechtigt, hier könnte technischer Fortschritt hochproblematische Normen setzen, ohne demokratische Kontrolle.

Die lapidaren Aussagen bergen eine kleine Sensation. Denn der Vorsitzende dieser Bioethik-Kommission heißt Peter Caesar und ist rheinland-pfälzischer Justizminister. Sein Engagement und die stillschweigende Zurkenntnisnahme der Landesregierung bedeuten, dass die Präimplantationsdiagnostik, die etwa in Hamburg standesrechtlich verboten und in Schleswig-Holstein zwar ethisch gebilligt, aber wegen juristischer Bedenken blockiert ist, nun in Rheinland-Pfalz straffrei praktiziert werden könnte. Vorausgesetzt, der behandelnde Arzt beachtet die von der Ethik-Kommission genannten "strengen Voraussetzungen".

Eine lautet, die PID dürfe nur dann zum Einsatz kommen, wenn "ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung eines Kindes besteht" und die Eltern vom Arzt eine Gendiagnose erbitten, um die Einnistung eines schwer erbkranken Embryos in der Gebärmutter von vorneherein zu vermeiden. Genau dies war beispielsweise bei einem Ehepaar aus München der Fall, das 1995 den Gynäkologen Klaus Diedrich an der Uniklinik Lübeck um eine PID bat und damit bundesweit für Aufsehen sorgte. Das Paar hatte bereits ein vierjähriges Kind verloren, das an Mukoviszidose litt. Diese schwere Erbkrankheit schädigt die Schleimhäute, insbesondere der Lunge. Sie führt zu Infektionen, Atemnot und zum frühen Tod. Die Mutter wünschte sich ein gesundes Kind. Sie hatte bereits zwei Schwangerschaften unterbrochen, weil die übliche pränatale Diagnostik jeweils die Belastung mit Mukoviszidose angezeigt hatte. Also bat das Paar Klaus Diedrich um eine In-vitro-Fertilisation mit anschließender PID. Die in vielen anderen Ländern längst angebotene PID-Behandlung wurde Diedrich jedoch untersagt. Eine Ethik-Kommission erhob zwar keine sittlichen, aber rechtliche Bedenken: Möglicherweise kollidiere die PID mit dem Embryonenschutzgesetz.

Dieses Gesetz vom 1. Januar 1991 soll "missbräuchliche Anwendungen von Fortpflanzungstechniken" verhindern und erfreute sich zunächst breiter Zustimmung. Inzwischen wird es jedoch von Wissenschaftlern und Ethikern kritisiert, weil es Embryonen im Reagenzglas wesentlich stärker schützt als im Mutterleib. Im Fall des Münchner Paares wurde die Frau zur erneuten Schwangerschaft auf Probe und damit auf den wesentlich laxeren Abtreibungsparagraphen 218 verwiesen. Der erlaubt bei sozialer oder medizinischer Indikation das Töten von gesunden Föten und sogar von Babys, die außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig wären. Den Widerspruch zwischen beiden Gesetzen kommentiert die rheinland-pfälzische Bioethik-Kommission sehr nüchtern: "Es wäre ein Wertungswiderspruch, den Paaren, bei denen das Risiko der Übertragung eines Gendefekts festgestellt wurde, die Präimplantationsdiagnostik aus Rechtsgründen zu verwehren und dann diesen Paaren gleichwohl die Durchführung der Pränataldiagnostik zu erlauben, die im Fall einer festgestellten Indikationslage zum Schwangerschaftsabbruch führen kann." Der Mutter dürfe das Risiko der Übertragung eines geschädigten Embryos "dann nicht zugemutet werden, wenn dieser später straflos abgetrieben werden könnte". Nicht der nackte Embryo im Reagenzglas, sondern der bereits im Mutterleib eingenistete Embryo sei besonders schutzwürdig. Kritiker der PID hatten stets moniert, das Testen von Embryonen vor der Einpflanzung führe zu "verbrauchender Embryonenforschung" - und die sei verboten. Im Falle der Münchner Eltern ist jedoch oberstes Ziel die ausdrücklich erlaubte Herbeiführung einer Schwangerschaft. Dass dabei kranke Embryonen verworfen werden, ist tolerierbar.

Was nützt eine späte Diagnostik, wenn danach der Embryo stirbt?

Ein weiterer Streitpunkt war bisher, dass laut Embryonenschutzgesetz keine Zellen verbraucht werden dürfen, die sich zu einem ganzen Menschen entwickeln könnten, also "totipotent" sind. Denn aus einem befruchteten Ei, das sich einmal geteilt hat, gehen manchmal zwei vollständige Wesen hervor, nämlich eineiige Zwillinge. Bei weiteren Zellteilungen des Embryos, die zum Vier-, Acht- und Sechzehnzellstadium führen (siehe Fotos), geht die Totipotenz der einzelnen Zellen allmählich verloren. Wann sie definitiv endet, ist umstritten, sehr wahrscheinlich nach vollendetem Achtzellstadium. Da zur Präimplantationsdiagnostik eine Embryozelle für die genetische Untersuchung abgezweigt und dabei zerstört wird, ist die PID nach deutschem Recht strafbar, wenn eine totipotente Zelle im Vierzellstadium entnommen wird - es könnte ja "ein potenzieller Mensch" zerstört werden. Außerhalb des deutschen Sprachraums kennt man derlei akademische Sorgen nicht, sondern bemüht sich, den Embryo möglichst rasch zu testen. Denn je früher er der Frau wieder eingesetzt wird, desto besser wächst er in ihrer Gebärmutterschleimhaut an. Was nützt auch eine späte Diagnostik im 32-Zell-Stadium, wenn danach der Embryo stirbt?