Gerhard Schröder hat jetzt die deutsche Zunge ausgestreckt - bäh! Aus Protest gegen die vermeintliche Diskriminierung der Sprache von Goethe, Schiller und 90 Millionen Bürgern der Europäischen Union boykottiert die rot-grüne Regierung sämtliche Sitzungen des Ministerrats, bei denen nicht Deutsch gesprochen werden darf.

Diese "Politik des leeren Stuhls" soll, hochoffiziell, die Finnen abstrafen, die bis Ende des Jahres den Vorsitz in der EU innehaben. Und indem er Charles de Gaulle nachahmt, will der Kanzler daheim Flagge zeigen - deutsche Sprache über alles? In der Tat gibt es gute Gründe, der größten Sprachgruppe in Europa mehr Gehör zu verschaffen. Deutsch ist mittlerweile so wichtig wie Französisch. Doch mit seinem Sprach-Gaullismus gewinnt Schröder nicht einen Verbündeten. Stattdessen tuschelt Europa - halb verschreckt, halb belustigt - wieder einmal über seine Germanen. Man hört's in allen Idiomen, nur eben nicht auf Deutsch.

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Schröder selbst liefert dafür ein Beispiel. Vor neun Monaten verhieß er, im Gegensatz zu Helmut Kohl werde er die Anliegen seiner Nation "mit mehr Selbstbewusstsein" vertreten. Seither erlebt Europa den Kanzler des "erwachsenen Deutschlands" oft im Stil eines Halbstarken: zuerst die verbalen Ausfälle über die deutsche Nettolast, zuletzt sein Zorn über den fehlenden deutschen Zungenschlag.

Und selbst bei Gerhard Schröders achtbaren Taten - dem Berliner Kompromiss über das Finanzpaket Agenda 2000, dem Friedensgipfel zu Köln - werden Diplomaten aus Partnerländern den Verdacht nicht los: Dem Mann geht es nur darum, sich auf heimischen Bildschirmen in Szene zu setzen; am ganzen EU-Theater interessieren ihn schlicht Bühne und Scheinwerfer.

Fantasie, neue Ideen oder gar Konzepte für Europa hat Schröder bis heute nicht nötig gehabt. Er zahlt ja, netto. Und wer zahlt, schafft an, stellt auch ein: Wenn es einen Kanzleramtsminister außer Landes zu schaffen gilt, kommt die EU als Asyl für Bodo Hombach gerade recht. Wer als EU-Kommissar nach Brüssel gehen darf, das diktieren allein die Zwänge und Launen deutscher Innenpolitik: der Frieden zwischen Rot und Grün, die überfällige Promotion eines bei der Kabinettsbildung zu kurz gekommenen Genossen.

Die Grüne Michaele Schreyer und der Sozialdemokrat Günter Verheugen sind zwar vorzeigbare Kandidaten. Aber jene "politischen Schwergewichte", mit denen der Kanzler seinen Einfluss in Brüssel mehren wollte, sind sie nicht. Bald wird die Stimmung wieder umschlagen, von der Großmannssucht zum Katzenjammer darüber, dass "immer nur die anderen" wichtige EU-Posten besetzen und damit ihr nationales Interesse wahrnehmen.

Nationale Interessen? Davon spricht Schröder gern und viel und verkämpft sich: Bei Duty-free stritt er für billigen Schnaps und Zigaretten, bei der jüngsten Burleske um Europas Schrottautos handelte er nach der Maxime: Was gut ist für VW, ist auch gut für Deutschland. Solch schrille Töne, solch selbstherrlicher Stil lassen zwar manche EU-Partner argwöhnen, da komme - vor dem Umzug nach Berlin - "ein neuer Wilhelminismus" empor. Das aber täuscht. Es ist viel schlimmer: Bonns letzter Kanzler weiß von Europa so wenig, dass er sich nur in Schlachten stürzte, die längst verloren waren. Nabelschau und Ignoranz lauern als Gefahr, nicht Streben nach deutscher Dominanz. Einen Platz an der Sonne? Den haben Schröder und seine Landsleute, auf Mallorca, längst gefunden.