Bonn

Mit Tschernobyl schließt sich für die Grünen ein Kreis. Wenn Jürgen Trittin in dieser Woche in die Ukraine reist, wird er die Erinnerung an das Jahr 1986 mitnehmen, als die schwelende Nuklearruine zur Chiffre für die Notwendigkeit einer grünen Partei wurde. Jetzt steht die selbe Ruine für das Gegenteil: für die bohrende Frage, wofür eine regierende Umweltpartei eigentlich gut ist. Wenn nicht alles täuscht, wird der grüne Minister in Kiew erkennen müssen, dass ukrainische Interessen und internationale Absprachen schwerer wiegen als grüner Wunsch und Wille - und am Ende zwei neue Reaktoren mitfinanzieren müssen.

Entwurzelt : Gegründet haben sich die Grünen als "Alternative zu den herkömmlichen Parteien", wie es im ersten Satz der Präambel zum Bundesprogramm heißt. Die "Bewegung" vereinte vom Straßenkampf ermüdete Sozialisten und Kommunisten mit eher unpolitischen, oft christlich inspirierten Naturschützern. Mit großem ideologischem Ernst stemmten sich die Grünen der ersten Stunde gegen die politischen Grundlagen der Bonner Republik: gegen die Marktwirtschaft, gegen den Parteienstaat, gegen das staatliche Gewaltmonopol, gegen die Westbindung. Der "ausbeuterischen Wettbewerbsgesellschaft" setzten sie ein dezentrales System "selbstbestimmter und selbstversorgender Wirtschafts- und Verwaltungseinheiten" entgegen.

Diese fundamentale Opposition verlor sich in dem Maße, in dem Grüne in die Kommunal- und Länderparlamente einzogen und die "bestehenden Herrschaftsverhältnisse" (Bundesprogramm) mit Fahrradwegen oder Frauenbeauftragten stabilisieren halfen. Über die Jahre versöhnten sich die Grünen mit dem "System". Aus der Bewegung wurde eine Partei, aus außerparlamentarischer Opposition wurde parlamentarische und schließlich, 1985 in Hessen, Regierungsbeteiligung. Utopien schmolzen zu Projekten, dann zu Gesetzen.

Am Ende der programmatischen Mutation stand nicht selten das Gegenteil dessen, was vordem auf der Agenda stand. Die klassenkämpferische Kritik am Sozialstaat Schmidtscher Prägung wich mit den Jahren der Verteidigung des "rheinischen Kapitalismus". Inzwischen sehen sich die Grünen als "Reformmotor" in der Koalition, wenn es darum geht, den Sozialstaat zu entschlacken. Der bedingungslose Pazifismus ("humane Ziele können nicht mit inhumanen Mitteln erreicht werden") ging in der Warnung vor einer "Militarisierung der Außenpolitk" auf und verschwand im vergangenen Jahr in der Bereitschaft, deutsche Soldaten auf den Balkan zu schicken. Das Bekenntnis zu "direkter Demokratie" schließlich erlebte den langen Abstieg von der Rotation der Abgeordneten bis zur völligen Missachtung der Basis. Welchen Rang grüne Delegierten-Entscheidungen heute haben, war vor eineinhalb Jahren in Suhl zu beobachten, als die Basis dem Parteivorstand verbot, mit dem Flugzeug zu fliegen, worauf der damalige Parteichef Trittin ans Mikrofon trat und verkündete, er werde sich daran nicht halten.

"Unsere Identität ist flöten gegangen", befand Vorstandssprecherin Antje Radcke dieser Tage trocken. Joschka Fischer, der heimliche, aber immer weniger präsente Parteichef, hatte schon früh auf das wacklige Fundament seiner Partei verwiesen. Die etablierten Mitbewerber, meinte Fischer einmal, seien in Kirchen eingezogen: Sie heißen Sozialismus, Konservatismus, Liberalismus. Die Grünen hingegen hätten ein Zeltlager aufgeschlagen. Nun müssen sie feststellen, dass der Boden, auf dem es errichtet wurde, erodiert. Die Heringe halten nicht mehr, der Wind greift an.

Rückständig : Auf ihrem Marsch in die Mitte der Gesellschaft verhielten sich die Grünen wie der 68er, der sich im "Establishment" eingerichtet hat, aber gerne Jeans trägt, um sich und anderen zu signalisieren, dass er eigentlich noch immer anders tickt. Die Jeans der Grünen sind deren Parteistruktur: In ihr spiegelt sich bis heute das Misstrauen gegenüber Autoritäten und sogenannten Primärtugenden wie Disziplin, Ordnung und Form. Doppelspitzen und Quotenzwänge repräsentieren den Triumph des Ideals über die Effizienz. Dieser "alternative" Zopf versöhnt den traditionellen, eher linken Kern der Partei mit den materiellen Veränderungen grüner Politik, verhindert aber zugleich einen entschlossenen Auftritt als Regierungspartei.