Für die meisten Zeitgenossen war das Internet bisher anscheinend ein großer Pornoladen. Bei Suchmaschinen, also den elektronischen Adressbüchern des weltweiten Datennetzes, tippten sie nach Angaben des Web-Dienstes Searchterms vor allem ein Wort ein: Sex.

Jetzt wandelt sich das Netz offenbar zu einer riesigen Jukebox. Seit ein paar Wochen ist ein anderer Suchbegriff Nummer eins: MP3. So heißen jene Tondateien, die Musikfans aus dem Netz ziehen und auf ihrem PC abspielen - in Hi-Fi-Qualität.

In der Plattenindustrie herrscht helle Aufregung. Diese Woche macht sie den ersten Schritt, MP3 in Schranken zu verweisen. Gemeinsam mit Elektronikkonzernen und Software-Schmieden will sie in Los Angeles einen neuen technischen Standard verabschieden. Er soll sicherstellen, dass digitale, Walkman-ähnliche Geräte auf Dauer keine Raubkopien mehr spielen.

Aber MP3 ist nur der kleinere Teil eines größeren Problems für die Tonträgerbranche: Die wird wegen der Musik aus dem Netz in den nächsten Jahren kräftig umgemodelt. "Die Angst der Manager ist groß. Jeder ahnt, dass viel in Bewegung geraten ist. Aber keiner weiß, was dabei herauskommt", erklärt Jonathan Steuer, Berater bei der kalifornischen Consulting-Firma Scient, die sich auf Online-Geschäfte spezialisiert hat.

Die Sorgen der Branche sind verständlich - auch wenn Online-Musik die Welt nicht über Nacht erobern wird. In fünf Jahren, schätzt die Marktforschungsfirma Market Tracking International (MTI), werden acht Prozent aller Musikkonserven übers Netz vertrieben und damit etwa vier Milliarden Dollar weltweit verdient. In zehn Jahren sollen es schon zwanzig Prozent sein.

Wenn die Plattenindustrie dieser Entwicklung jetzt nachläuft, dann trägt sie daran größtenteils selbst die Schuld. Seit Jahren war abzusehen, dass Musik einmal digital vertrieben wird. Doch die großen Labels machten keinerlei Anstalten, im Netz aktiv zu werden - vor allem, weil sie ihr angestammtes Geschäft nicht gefährden wollten. Doch MP3 wurde trotzdem zu einem Schlager.

Als sich die Tonbranche Ende der siebziger Jahre auf den Standard für CDs einigte, waren leistungsfähige PCs noch ein Traum. Da schien es noch unnötig, die Plastikscheiben gegen digitale Vervielfältigung zu schützen. Die Folge ist, dass heute jeder halbwegs computerkun- dige Teenager Kopien von einer CD ziehen kann, die sich nicht mehr vom Original unterscheiden. Die Scheibe wird einfach in das CD-Laufwerk eines PCs gesteckt und dann per Mausklick auf die Festplatte übertragen. Ripping heißt das unter Kennern - frei übersetzt: unter den Nagel reißen.