Der Vordenker und Anwalt der Arbeiterklasse hat nie eine Fabrik von innen gesehen. Der in Trier geborene Karl Marx war kein praktischer Mensch. Während er für sein Hauptwerk Das Kapital - Kritik der Politischen Ökonomie in der Bibliothek des Britischen Museums in London recherchierte, ernährte sein einziger Freund, Friedrich Engels, die Familie Marx.

So wie Karl Marx (1818 bis 1883) sein Wissen darüber, wie die Arbeiter schufteten, nicht aus eigener Anschauung bezog, so kannten viele Arbeiter sein Buch, das ihre Befreiung und damit den Untergang des Kapitalismus beschrieb, nur vom Hörensagen. Selbst August Bebel, der Gründer der deutschen Arbeiterbewegung, gestand: "Ich habe das Kapital auch nicht weiter gelesen."

Das von Marx gemeinsam mit Engels im Revolutionsjahr 1848 verfasste Kommunistische Manifest beginnt kraftvoll: "Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Kommunismus." Es schließt mit dem Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Das Manifest schrieb Marx in Stunden und Tagen, mit dem Kapital quälte er sich 15 Jahre lang.

Das Kapital ist nicht nur reine ökonomische Theorie: Es ist ein gewaltiges Gedankengebäude aus Geschichte und Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Propaganda. Es sollte dem Sozialismus eine geistige Grundlage und dem Manifest eine theoretische Basis geben. Marx' Mission war vor allem politisch. Er verfolgte eine fixe Idee, deren Siegeszug er für unausweichlich hielt: die Idee der klassenlosen Gesellschaft, die Idee des Kommunismus. Die einen verehren das Werk dafür. Andere verwehren ihm deshalb einen Platz in der Ahnengalerie der Ökonomen.

Nach Marx folgt die kommunistische Gesellschaft der kapitalistischen, "sie ist ihre Negation". Daher beschreibt Marx im Kapital zunächst ausführlich den Kapitalismus und baute auf den Theorien klassischer Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo auf. Wie Ricardo nahm Marx an, dass der Wert eines Gutes von der zu seiner Herstellung notwendigen Arbeit abhängt. Allein menschliche Arbeit, gemessen in Zeit, könne Werte schaffen. Doch Marx geht weiter. In der kapitalistischen Welt, sagt er, wird alles zur Ware. Waren dienen nach seiner Definition nicht dem persönlichen Gebrauch, sie sind Produkte, die gefertigt werden, um Profit auf Märkten zu erzielen. Auch die menschliche Arbeitskraft verkommt zur Ware. Diejenigen, die keine Maschinen, keine Manufakturen besitzen, können nur ihre Arbeitskraft anbieten - für andere, für die Kapitalisten, die Eigentümer der Produktionsmittel. Als Lohn bekommen die Arbeiter so viel, wie sie für den Erhalt ihrer Arbeitskraft, also für Nahrung, Kleidung und Unterkunft brauchen. Das ist der Tauschwert der Ware Arbeitskraft. Von diesem Wert unterscheidet Marx den Wert der in der Gesamtarbeitszeit hergestellten Gütermenge, den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft.

Erst die Unterscheidung zwischen Tausch- und Gebrauchswert, die Marx von Adam Smith übernahm, ermöglicht ihm die Entwicklung seiner Theorie des Mehrwerts. Der Mehrwert ist die Differenz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert der Ware Arbeitskraft. Arbeitet der Arbeiter zehn Stunden am Tag, dann arbeitet er sechs Stunden für seinen Lohn. In den verbliebenen vier Stunden arbeitet er nur für den Mehrwert, der vollständig dem Kapitalisten zufällt.

Der Kapitalist wird stets versuchen, den Mehrwert zu steigern. Er kann zum Beispiel seine Arbeiter länger arbeiten lassen. Arbeitszeit lässt sich aber nicht beliebig verlängern. Also, folgert Marx, versucht der Kapitalist, den Teil der Arbeitszeit zu verkürzen, der zum Erhalt der Arbeitskraft notwendig ist. Der Arbeiter muss in kürzerer Zeit seinen Lohn verdienen, damit er länger Mehrwert schaffen kann.