Wenn man die Küstenstraße von Los Angeles herauffährt, die Morro Bay mit dem riesigen grauen Monolithen hinter sich lässt und nach San Simeon kommt, fühlt man sich plötzlich nach Europa versetzt. Dort oben steht wahrhaftig ein Schloss, schimmernd weiß und fern. Rinder grasen auf den braunen Hügeln ringsum; in einer abgeschiedenen Bucht tummeln sich Seelöwen. Pazifische Stille herrscht in Nabobs Reich.

Im Touristenbus schaukelt man die fünf Meilen lange Serpentinenstraße zu William Randolph Hearsts Neuschwanstein hinauf. Die Besichtigung beginnt am Neptun-Pool, den auch die meisten Reiseführer abbilden: ein ovales, blau gekacheltes Becken, umrahmt von Säulengängen; an der Stirnseite eine Tempelfassade, echte Säulen unter falschem Gebälk. Stanley Kubrick hat hier Szenen aus Spartacus gedreht - eine Orgie im alten Rom.

Hearst Castle, wie der Landsitz des einstigen Zeitungszaren heute offiziell heißt, ist ein Lehrgarten dessen, was man den kalifornischen Geschmack nennen könnte. Die Sammler der Ostküste, Leute wie der Stahlbaron Henry Frick in seinem New Yorker Stadtpalast, gaben sich noch Mühe, ihren Kunstwerken einen passenden Rahmen zu verschaffen. Hearst hatte solche Rücksichten hinter sich. Er kaufte, was er kriegen konnte, und fügte es zusammen, wie er wollte.

In manchen Räumen San Simeons geht diese Rechnung tatsächlich auf. Dann betrachtet man erstaunt das Rendezvous einer Lalique-Lampe mit einem Altarbild aus dem italienischen Barock - und glaubt das kindliche Ergötzen zu spüren, mit dem Hearst solche Dinge kombinierte. In seiner reinsten Form ist der Reichtum ein Spiel, und Hearst spielte so ausgiebig mit seinen Millionen, dass er sie fast verloren hätte. Nur der Zweite Weltkrieg bewahrte sein Presseimperium vor dem Bankrott.

30 Jahre lang, von 1919 bis 1948, bastelte Hearst an seinem Anwesen herum. San Simeon, der Traum von einem Haus auf dem Lande, sollte ihn unsterblich machen. Aber es war nicht seine Burg, die Hearsts Namen der Nachwelt überlieferte, sondern ein Film, den er so sehr hasste, dass er ihn zerstören wollte. Als Orson Welles' Citizen Kane im Februar 1941 ins Kino kam, bot Hearst über Mittelsmänner Geld, um das Negativ und sämtliche Kopien des Films zu vernichten. Citizen Kane , die Lebensgeschichte eines Zeitungsmagnaten, seiner Hollywood-Geliebten und seines Lustschlosses "Xanadu", war eine sardonisch zugespitzte Lesart von Hearsts Biografie. In den dreißiger Jahren hatte Hearst die Freunde und Bekannten seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Marion Davies, regelmäßig in San Simeon bewirtet. Jetzt bedankte sich Hollywood auf seine Weise bei ihm. Citizen Kane ging in die Geschichte ein, und Hearst fiel aus ihr heraus.

William Randolph Hearst, ein grobschlächtiger Mann mit kleinen, traurigen Augen, ist lange tot. Wenn man durch sein Zauberschloss geht, wünscht man sich, die beiden Hälften seines Erbes, das Haus und der Film, könnten endlich zusammenkommen, und in dem 100-Personen-Kino, das Hearst für seine Gäste bauen ließ, würde Tag für Tag Citizen Kane laufen, die vielleicht größte aller Kinoerzählungen.