Fünfhundert Jahre lang, seit der Entdeckung durch Christoph Kolumbus, galten Mittel- und Südamerika als Kontinent der Gewalt. Doch die Wahrnehmung hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend gewandelt. Als sich die Faszination des boomenden Südostasien als Blendwerk entpuppte und westliche Politiker und Investoren nach neuen Betätigungsfeldern Ausschau hielten, rückten Lateinamerika und die Karibik wieder ins Blickfeld. Galten die achtziger Jahre dort noch als "verlorenes Jahrzehnt", das von Gewaltregimen, Bürgerkriegen, Wirtschaftskrisen und Inflationsraten von bis zu 20 000 Prozent geprägt war, so gab es in den neunziger Jahren von Mexiko bis Feuerland eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung und politische Demokratisierung.

Aber noch sind die neuen Strukturen in vielen Ländern fragil, politisch und wirtschaftlich. Oft genug bedeutet der Begriff "Demokratie" in Lateinamerika etwas ganz anderes als in Europa. Die alten Eliten halten an ihren Pfründen fest und versuchen, die staatlichen Institutionen unter ihrer Kontrolle zu behalten. Manche dieser "Demokratien" - zum Beispiel in Peru, Bolivien, Venezuela und Mexiko - sind auf Populismus angelegte "Demokraturen". Erschwerend kommt hinzu, was niemand laut auszusprechen wagt: Den entwickelten Wirtschaftsnationen ist es immer noch lieber, wenn in Peru der autokratische Präsident Fujimori regiert oder der Diktator Fidel Castro auf Kuba; jedenfalls dann, wenn die Alternative Chaos heißt. Die einzige Medizin gegen chaotische Tendenzen aber ist Entwicklung - die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit.

Das politische und wirtschaftliche System in Chile erweist sich mittlerweile als das stabilste in ganz Lateinamerika, allen wirtschaftlichen Rückschlägen zum Trotz. Auch muss das Land nach wie vor mit einer in wesentlichen Teilen undemokratischen Verfassung leben, die noch die Handschrift der vorangegangenen Diktatur trägt. Während das Militär neuerdings eine überraschende, vorsichtige Bereitschaft zur Versöhnung zeigt, verfolgt die Justiz allerdings noch jeden, der ihre amtliche Mitwirkung an Verbrechen der Diktatur offen legen will. Soeben wurde ein Buch zu diesem Thema verboten; Autorin und Verleger sehen sich juristischer Verfolgung ausgesetzt. Doch das sind Rückzugsgefechte alter Starrköpfe. Sowenig es unter den gegenwärtigen Umständen einen zweiten Allende geben wird, sowenig ist ein zweiter Pinochet zu befürchten.

Der 84-jährige General sitzt seit Oktober vorigen Jahres unbelehrbar und verbittert in einer Londoner Villa in komfortabler Auslieferungshaft. Er soll in Spanien für das blutigste Kapitel in der modernen Geschichte seines Landes zur Verantwortung gezogen werden. Manche Militärs, vor allem im Heer und aus der alten Junta-Generation, klappern deshalb bisweilen mit dem Säbel. Insgeheim aber hoffen viele Chilenen, auch im Lager der politischen Rechten, dass der alte Diktator der Heimat noch möglichst lange fernbleibe - wenigstens bis nach den Wahlen - und höchstens noch zum Sterben heimkehre.

Derweil hat der 61-jährige Ricardo Lagos, der unter den beiden letzten christdemokratischen Präsidenten Aylwin und Frei als Minister diente, die Lehren aus der Geschichte begriffen. Zwei Monate vor seiner offiziellen Nominierung als Präsidentschaftskandidat eines Wahlbündnisses aus linken und rechten Parteien reiste Lagos im März nach New York - in die Höhle der Löwen. In der New York Times hieß es: "Der Kandidat kam zu seinen Wählern. Aber diese Wähler waren keine Chilenen. Herr Lagos machte Wahlkampf an der Wall Street. Der Sozialist traf sich mit George Soros, David Rockefeller, Steve Forbes und anderen Mitgliedern der amerikanischen Finanzelite." Diese gaben ihm die hier geltenden Spielregeln mit auf den Weg: "Da sind einmal die Wähler, die die Regierung bestimmen. Das andere aber sind die etwa 30 000 Händler und Fondsmanager, die ständig und unmittelbar über die Regierungen in der ganzen Welt Entscheidungen fällen", konnte Lagos der Zeitung entnehmen.

Deutlicher konnte man dem zum gemäßigten Spektrum zählenden Lagos den alten Hegemonialanspruch der Vereinigten Staaten auf den mittel- und südamerikanischen "Hinterhof" nicht mit auf den Weg geben. Bereits am 27. Juni 1990 hatte der damalige US-Präsident George Bush mit seinem Plan zur Schaffung einer Freihandelszone von Alaska bis Feuerland, der Free Trade Area of the Americas(FTAA), bis zum Jahre 2005 den regionalen Führungsanspruch der USA bekräftigt. Die Europäische Union ist seit einiger Zeit bemüht, das protektionistische Konzept einer FTAA zu durchkreuzen. Sie strebt stattdessen ein "transatlantisches Dreieck" zwischen Europa, Lateinamerika und Nordamerika an, bei dem es über die ökonomische Partnerschaft hinaus um ein gemeinsames Konzept zur Stabilisierung von Rechtsstaat und Demokratie und zur Bekämpfung von Korruption und Armut geht. Auch aus diesem Grund fand im Juni in Rio de Janeiro das erste Gipfeltreffen der 15 Staats- und Regierungschefs der EU mit ihren 33 Kollegen aus Lateinamerika und der Karibik statt.

Europa und die USA wetteifern um die lateinamerikanischen Märkte