Am Rande von Hannover entdeckte Jürgen Wallek die freie Marktwirtschaft. Er fuhr dort Pakete aus für den DPD, den Deutschen Paketdienst. Morgens um halb fünf fing er an, abends um sechs war er fertig. Dazwischen schleppte er 30 Kilo schwere Pakete durch die halbe Stadt. Je stärker ihm nachts der Rücken schmerzte, desto mehr hatte er verdient. Denn Wallek (Name geändert) wurde nach Paketen bezahlt. Zwei Mark pro Stück. Von dem Geld gingen noch die Raten für den Lieferwagen mit dem DPD-Logo ab. Außerdem die Reparaturen und das Benzin, schließlich die Steuern. Wurde er krank, waren rund 600 Mark fällig pro Tag. Lohnabzug im Krankheitsfall. Eine deutsche Firma, die so mit ihren Angestellten umspringt, bekommt ein rechtliches Problem. Aber die meisten Paketausfahrer des DPD sind keine Angestellten. Juristisch stehen sie genauso da wie Schuhputzer in Südamerika. Sie sind freie Unternehmer. Ihr einziges Produkt ist ihre Arbeitskraft.

Der Soziologe Ulrich Beck nennt das die Brasilianisierung der deutschen Arbeitswelt. Das wollte Arbeitsminister Walter Riester verhindern und erließ das neue Gesetz zur Bekämpfung von Scheinselbstständigkeit. Es soll Leute wie den Paketzusteller Wallek sozial absichern - Mikrounternehmer, die nur zum Schein, zwecks Geldersparnis für deren Arbeitgeber, auf eigene Rechnung arbeiten, in Wahrheit aber nichts anderes tun als Festangestellte. Unternehmen, bei denen die Behörden Scheinselbstständige vermuten, müssen nun in die Kassen der Sozialversicherungen einzahlen, wenn die Beschuldigten nicht das Gegenteil beweisen können - eine Umkehr der Beweislast (siehe "Im Zweifel gegen den Angeklagten" auf Seite 17).

Wie die "freien Lanzenträger" im Mittelalter von Krieg zu Krieg zogen und den Burgherren ihre Kampfeskunst anboten, reist Bode von Firma zu Firma: stets auf eigene Rechnung, immer willkommen als der Mann, der Probleme löst. Gerade war der Münchner für ein paar Monate bei der Computertochter einer großen Handelskette. Erst half er, ein Verkaufssystem zum Laufen zu bringen, danach die Firmensoftware umzustellen. Diesmal dauerte der Job länger als sonst, ein Jahr. Er hatte in der Firma seinen Schreibtisch, nahm an Sitzungen teil, aß in der Kantine mit den anderen Mitarbeitern. Wie ein Angestellter. Hätte er nicht noch einen zweiten Kunden in München, dann wäre Bode vermutlich ein Scheinselbstständiger - einer, den das Gesetz zu schützen vorgibt. Doch vor wem sollte man Bode schützen? Vor den Computerfirmen? Die sind froh, dass sie ihn haben. Vor schlechter Bezahlung? Ulrich Bode hat niemals in seinem Leben weniger als 100 Mark in der Stunde verdient, meist das Doppelte. Die Wirklichkeit ist komplizierter, als der Gesetzgeber dachte.

Freie Unternehmer gibt es in Deutschland seit über hundert Jahren. Früher waren das wohlhabende Männer mit eigener Fabrik, in der ihre Angestellten arbeiteten. Heute hat die Zukunft der Arbeit begonnen, und die scheint darin zu bestehen, dass Angestellte aufhören, Angestellte zu sein. Nach einer Untersuchung der Universität Mannheim ist die Zahl der Einmannunternehmen in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren um rund 400 000 auf knapp zwei Millionen gestiegen. Mit den freien Unternehmern von einst haben die nur eines gemeinsam: die Gefahr des Bankrotts.

Die Paketzusteller des DPD bekommen weder Arbeitslosengeld noch gesetzliche Rente, und Kündigungsschutz besteht für sie schon gar nicht. Wer beim DPD rausfliegt, etwa weil er zu alt ist zum Paketetragen, dem bleibt nur noch die Sozialhilfe. Von der lebt inzwischen Jürgen Wallek. 39 ist er jetzt, hat 15 000 Mark Schulden, keinen Job in Aussicht und erst recht keine Ahnung, wovon er leben soll, wenn er alt ist.

Einige Miniunternehmer enden als Sozialfälle, andere als Millionäre

Der Freelancer Ulrich Bode dagegen hat sein Studienfach nach dem späteren Verdienst ausgesucht. Informatik erschien ihm am lukrativsten. Während des Examens standen viele Kundentermine im Kalender. Stellen als Angestellter hätte er haben können, wollte er aber nicht. Auf seinem Anrufbeantworter sammeln sich die Anfragen: Ein neues Projekt, ob er denn Zeit habe ...