Tamaras Kopf schlägt bei der holprigen Fahrt hart gegen die Scheibe. Der Brief fällt aus ihrer Hand und liegt leuchtend weiß vor meinen Füßen. Ich hebe ihn nicht auf. Ich lasse ihn liegen und leuchten. Das einzige Leuchten in dem kalten Bus und der dunklen Nacht. Fast tröstlich. Ein Stück Heimat, die keine ist; von einem Mann, mit dem mich nichts verbindet als die Vaterschaft - die angebliche. Sosehr ich darauf gewartet habe, die Briefe zu öffnen, sowenig will ich es jetzt tun. Jetzt, da Tamara schläft und ich alleine bin mit mir in dem dunklen Bus, in dem fremden Land, beginne ich zu zweifeln. Ich sehe aus dem Fenster, der Regen hat aufgehört, das erste Tageslicht dämmert. Die Landschaft liegt im fahlen blauen Himmelslicht. Üppig und weich, anders als ich es mir vorgestellt hatte, sofern ich mir jemals eine Vorstellung von russischer Landschaft gemacht habe, nur jetzt erstaunt sie mich, ich hätte karge Steppe erwartet.

Hinter mir im Bus summt ein Mann seinem Mädchen ein Lied ins Ohr. Ich drehe mich um, und er nickt mir zu und lacht mich an. Seine Zähne leuchten weiß wie der Brief, das Mädchen liegt auf seiner Brust, und er reicht mir eine Wodkaflasche nach vorne. Ich nehme einen großen Schluck und gleich darauf noch einen. Der Wodka wärmt meinen Magen und steigt dann in den Kopf und macht ihn klar. Ich gebe dem Mann die Flasche zurück. Er spielt mit den Zöpfen seines Mädchens und will, dass ich noch einen Schluck trinke. Darauf nimmt er auch einen und lacht. Ein Lachen, das wie ein Donnergrollen von tief unten angerollt kommt. Ein schönes Land, das Russland. Ich hebe den Brief auf und halte ihn in den Händen, ohne ihn zu öffnen. Ich denke nach, ob es richtig ist, fremde Briefe zu lesen. Auch wenn der Absender mein Vater ist - mein angeblicher. Ich weiß, dass es keinen Sinn macht, diese Briefe zu öffnen und zu lesen. Tamaras Kopf schlägt mit einer beruhigenden Gleichmäßigkeit gegen die Scheibe. Ich ziehe meine Jacke aus, rolle sie zusammen und schiebe sie unter den Kopf. Sie schläft mit offenem Mund und schnarcht leise. Der Schlaf hat ihre Wangen gerötet. Ich streiche ihr die Haare aus der Stirn und betrachte ihr Schlafgesicht, den rotblonden Haaransatz, und stelle sie mir mit dunklen Zöpfen vor. Mein russisches Mädchen. Zum ersten Mal seit Jahren spüre ich eine Ruhe in mir aufsteigen. Alles liegt so fern von mir, als hätte es nie zu meinem Leben gehört. Dieser ganze Irrsinn wie ein Traum hinter mir. Ein Albtraum. Ich weiß, warum ich hier bin; um das alles zu vergessen, und es fängt schon an, ein Wodkanebel legt sich auf meine Seele, und ich nehme den Brief aus seinem Umschlag und beginne zu lesen.

"Mein geliebter Lebensmensch", beginnt der Brief. "Naturgemäß kam ich lange Zeit nicht mehr zum Briefeschreiben. Wie du weißt, schreibe ich Bücher, die auf das Äußerste anstrengend zu schreiben sind, sodass mir wenig Zeit und Raum bleibt, dir zu schreiben, meiner geliebten Freundin." Es folgen ausführliche und umständliche Liebesschwüre und sogar eine erotische Passage, die eine Liebesnacht wiedergibt, die man schwülstiger nicht beschreiben kann. Ich erspare mir die Lektüre der übrigen Briefe.

Meine Mutter hat jeden dieser Briefe selbst geschrieben. Ich habe es geahnt, ich habe es gewusst; schon als ich mich auf den Weg nach Petersburg machte, hatte ich keinen Moment auch nur wirklich daran gedacht, auf der Suche nach einem verlorenen Vater zu sein, dem Schriftsteller Thomas Bernhard. Keine Sekunde hatte ich in meinem Innersten daran geglaubt, ich habe mir den Grund dieser Reise nur vorgemacht. Alles, was ich will und auch damals wollte, ist ein neues Leben und eine neue Frau, und deshalb sitze ich hier neben Tamara und fahre durch ein Land, das ich nicht einmal aus meinen Träumen kenne und das mir gleichzeitig so vertraut ist, als hätte ich mein ganzes Leben dort verbracht. Mein richtiges Leben. Das Leben, wie es hätte sein sollen, nicht, wie es war. Das war kein Leben, das war nicht mein Leben, das hat es nicht gegeben.

Eine dicke Frau mit bunten Röcken und einem Blumentuch auf dem Kopf steht auf und schiebt sich durch den Gang. Sie kommt zu mir und spricht auf mich ein und holt aus ihren Röcken eine Wurst und ein Stück Brot, drückt es mir in die Hand und kneift mich in die Backen, streichelt mir über den Kopf und geht wieder zurück. Der Mann hinter mir stimmt ein Lied an. Erst leise und dann immer lauter. Ein fröhliches Lied, und nach und nach kommen andere Stimmen dazu. Der ganze Bus ist erfüllt von diesem Lied und dem nächsten, das genauso traurig ist wie das vorige fröhlich. Sogar Tamara summt im Schlaf, und so fahren wir in den Morgen hinein, während der Nebel aus den Wiesen steigt und der Mond noch fahl am Himmel hängt. Wärme breitet sich in mir aus. Vom Bauch direkt ins Herz hinein. Ich singe die fremden Lieder, als hätte ich sie schon immer gesungen, und mit jedem Lied fällt ein Stück altes Leben von mir ab, und mit jedem Lied fahre ich meinem neuen Leben entgegen. Der Brief liegt immer noch auf meinem Schoß, vom Fett der Wurst durchtränkt. Ich zerreiße ihn in viele kleine Stücke, dann weiß ich nicht, wohin mit dem Papier, will es in meine Jacke stecken, da fällt mir ein, dass Tamara darauf schläft und dass in den Taschen noch viele Briefe stecken, die ich zerreißen muss. Ich versuche, das Fenster zu öffnen. Ich stehe und schwanke und rüttle an dem Fenster mit beiden Armen über dem Kopf, aber es lässt sich kein Stück bewegen. Ich bin erschöpft und verzweifelt darüber, diesen Brief nicht loswerden zu können. Schließlich stopfe ich mir die Fetzen in die Hosentasche.

Meine Glieder sind schwer. Ich spüre, wie mich die Müdigkeit überwältigt, eine bleierne Lähmung, von einem Moment auf den anderen. Im Bus ist es still geworden bis auf ein Schnarchen hier und dort. Ich lege meinen Kopf an Tamaras Schulter, und von ihrem starken Lavendelduft betäubt, schlafe ich ein. Vorher denke ich noch an meine Mutter, an ihr armseliges Leben und ihren letzten Versuch, sich selbst und mir etwas vorzumachen. Dieser Brief wie die anderen Briefe rühren mich genauso, wie sie mich abstoßen, und dann denke ich nur noch an Tamara und küsse sie ganz leicht auf ihren offenen Mund, dann schlafe ich ein.

Als ich wieder aufwache, schmerzt mein Kopf, und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich höre weit weg Stimmen durcheinander schreien. Ich liege auf der Sitzbank mit dem Kopf auf meinem zusammengerollten Jackett. Ich setze mich auf. Der Bus ist leer, und während ich mir noch überlege, ob das alles nur ein Traum war, sehe ich durch das Fenster die Menschen auf der Straße stehen. Es herrscht große Aufregung, alle reden durcheinander und gestikulieren und zeigen auf etwas unter dem Bus, das ich nicht sehen kann. Aber ich sehe Tamara. Sie trägt einen kurzen Rock, eine rosa Strickjacke und einen ebenso rosafarbenen Lippenstift. Ihre Füße stecken in Gummistiefeln. Sie hat die Hände in die Hüften gestemmt. Eine Locke fällt ihr in die Stirn, und sie pustet sie mit schiefem Mund immer wieder aus dem Gesicht. Sie sieht bezaubernd aus, wie sie einen kleinen dicken Mann beschimpft, der ihr mit seinen fetten, kurzen Fingern vor dem Gesicht herumwedelt. Sie gibt ihm einen kräftigen Schubs, und er plumpst auf den Hosenboden. Tamara wirft den Kopf zurück und lacht und klatscht wie ein Kind vor Freude in die Hände mit den langen rosa Nägeln, und in dem Moment sieht sie mich und ruft und winkt und strahlt mich an mit Sternenaugen.