Ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee? Ein Treff in Berlin am Rande eines offiziellen Termins? Wenigstens ein Anruf vom Bundeskanzler? Nichts da. Noch Anfang dieser Woche hatte Gerhard Schröder kein Wort mit Michaele Schreyer gewechselt. Dabei hat er die grüne Politikerin dem designierten Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi, als eine der deutschen Kandidaten für Brüssel präsentiert. Als vorzügliche Kandidatin natürlich.

"Warum auch sollte mich der Kanzler anrufen", fragt Schreyer, die demnächst 48 wird. Schließlich sei sie nicht neu in der Politik, und der Kanzler kenne sie doch. Da ist bei aller Gelassenheit trotzdem ein Unterton von verletztem Stolz herauszuhören. Darüber, dass es dem Bundeskanzler offenbar ziemlich egal ist, wer für Deutschland in der 20-köpfigen EU-Kommission sitzt. Hauptsache, der Koalitionsfriede ist gewahrt. Bei den Grünen ist Schröder seit den Koalitionsverhandlungen im Obligo. Die wollten vier Minister, bekamen nur drei und als Kompensation einen der beiden Brüsseler Kommissionsposten. Das Vorschlagsrecht lag bei den Grünen, der Kanzler ließ nur wissen, er wünsche sich jemanden mit Wirtschaftskompetenz.

Also Michaele Schreyer: helle Augen, lockige Haarmähne, diskreter Schmuck, dezent schickes Outfit - das Gegenteil einer Alternativen in Schlabberlook und Gesundheitslatschen. Sie kann zuhören, lässt sich ungern in die Defensive drängen, denkt nach, bevor sie antwortet. Brillant formuliert sie nicht, aber was sie sagt, hat Hand und Fuß.

Vor allem wenn es um Wirtschaftsthemen geht. Ihr ökonomischer Sachverstand ist unbestritten. Sie hat Volkswirtschaft studiert, über ein Steuerthema promoviert, am Münchner Ifo-Institut gearbeitet. Grundrente, Finanzausgleich, Ökosteuern, Umbau der Industriegesellschaft - in solchen Themen ist Schreyer firm. In der EU-Kommission würde sie am liebsten ein Wirtschaftsressort übernehmen, irgendwo im weiten Feld zwischen Finanzen, Wettbewerb, Binnenmarkt und Strukturpolitik.

Aber fehlt ihr nicht die politische Erfahrung, um einem solchen Posten gewachsen zu sein? Schließlich hat Romano Prodi die Anforderungen hochgesteckt mit dem Satz, es werde "nur Kandidaten von erheblichem Gewicht für große und wichtige Ressorts in der Kommission geben". Da ist es mit Schreyers Gelassenheit vorbei. "Es wäre doch lächerlich, wenn die CDU/CSU Herrn Stoiber deshalb nicht als Kanzlerkandidaten vorschlagen könnte", kontert sie erbost, "weil er auf Bundesebene noch kein Ministerium geleitet hat." Und wollte nicht die CDU gerade eine Frau ohne politische Erfahrung zur Bundespräsidentin machen? Schreyer kann sich die Bemerkung nicht verkneifen: "Ich gehe schließlich davon aus, dass der Vorschlag Schipanski ernst gemeint war."

Von März 1989 bis Dezember 1990 war Schreyer eine höchst aktive (übrigens auch mit sechs CDU-Stimmen gewählte) Umweltsenatorin im rot-grünen Berliner Senat. Sie spielte die Rolle der Unruhestifterin, galt als arbeitswütig und kämpferisch. In den Ruch, eine grüne Fundamentalistin zu sein, kam sie nie, auch wenn sie vehement (und erfolglos) gegen die Inbetriebnahme eines Forschungsreaktors am Berliner Hahn-Meitner-Institut focht. Schreyer bezeichnet sich als tolerant und liberal. Dass sie nicht harmoniesüchtig ist, das merkte die SPD ziemlich schnell. Schreyer wurde in der hochkomplizierten Koalition zur Reizfigur für die Roten, auch wenn der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper sie heute überschwänglich lobt.

Komplimente kommen auch von Berlins amtierender Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD): Die Kontrahentin sei ebenso kompetent wie engagiert. Hört man den Flurfunk, so können beide nicht miteinander, weil, so ein Mitarbeiter der Senatorin, "Frau Schreyer eifersüchtig darauf ist, dass sie Fugmann-Heesings Sparpolitik nicht selber machen kann". Aber Respekt haben sie alle vor Schreyers Fleiß und Ausdauer, bis hinein in die Reihen der CDU. Und viele fürchten ihre in Freundlichkeit verpackte Härte.