Ivan Novkovic, ein Fernsehtechniker aus Serbien, versuchte zu erreichen, was der Nato in drei Monaten Krieg nicht gelungen war: "Er wollte Jugoslawien zerstören." Das behauptete jedenfalls der Direktor des Fernsehsenders in Leskovac, als er seinen Angestellten Novkovic am Samstag vor die Tür setzte, weil er sich des Vandalismus schuldig gemacht habe. Das Unerhörte war am Freitagabend geschehen. Ein Höhepunkt im Fernsehen war angesagt. TV-Leskovac übertrug das Basketballspiel Jugoslawien gegen Deutschland. Es ging um den Einzug in das Halbfinale der Europameisterschaften. Mitten im Spiel fiel das Bild aus. Eine Stimme aus dem Off verlas eine vorgefasste Rede. Es war Novkovic. "Unser Bezirkspräsident, Zivojin Stevanovic, führt uns in bittere Armut. Er hat 40 000 junge Männer aus unserer Region zum Kriegsdienst im Kosovo gepresst. Und was hat Stevanovic derweil getan? Er hat sie nicht einmal besucht! Stevanovic muss zurücktreten. Kommt alle zur Protestdemonstration!"

Die Basketballspieler kamen wieder ins Bild. Diesmal durften sie dem Fernsehpublikum ihre Künste ohne Unterbrechungen vorführen. Jugoslawien gewann. Aber wohl niemand in Leskovac mochte sich so recht über den Sieg freuen. In wenigen Worten hatte der Fernsehtechniker Novkovic ihnen ihre Misere vorgeführt: eine korrupte Elite, die sich um das verarmte Volk nicht schert; ein sinnloser Krieg, der das Land ins Elend gestürzt hat; ein Regime, unter dem Andersdenkende nur auf der Straße protestieren können; eine Mediendiktatur, die allein durch Akte der Piraterie durchbrochen werden kann. Das Bedrückendste an alldem war, dass Novkovic Recht hatte. Die einsame Aktion des bisher unbekannten Fernsehtechnikers aus Leskovac passt in das unruhige Bild, das Jugoslawien derzeit bietet. Nach dem Ende des Krieges gegen die Nato rührt sich der Widerstand gegen das Regime des Präsidenten Slobodan Milocevic. Nahezu täglich gehen Demonstranten auf die Straße, im Süden wie im Norden des Landes, und fordern: Milocevic muss zurücktreten! Die Demonstrationen erinnern auf den ersten Blick an den Winter 1996/97. Damals hatten Hunderttausende Serben 88 Tage lang gegen den Wahlbetrug von Milocevics Sozialisten protestiert. Der Präsident wankte, aber er fiel nicht.

Die Opposition hat keinen Führer mit nationaler Ausstrahlung

Milocevic reagiert auf die Unruhe mit Zuckerbrot und Peitsche. Er überschüttet ganze Kompanien mit Auszeichnungen. 3000 Soldaten hat er dekoriert. Den Generalstabschef Dragoljub Ojdanic beförderte er zum Armeegeneral, ein Titel aus den Zeiten Titos, der als abgeschafft galt. Gleichzeitig ließ Milocevic durch das Parlament sogenannte Ehrengerichte einrichten. Dieses Instrument erlaubt den direkten und schnellen Zugriff auf die untersten Ebenen der Armee, wo die Unzufriedenheit am größten ist. Im Unterschied zu den traditionellen Militärgerichten haben die Ehrengerichte eine kürzere Verfahrensdauer und größere Kompetenzen. Das Entscheidende aber ist, dass über ihre Zusammensetzung allein die oberste Führung der Armee entscheidet - und damit Milocevic.

Das Regime ist durchaus imstande, auch kreativ mit Gefahren umzugehen. Es gibt Pläne, die Volksarmee in eine Berufsarmee umzuwandeln. Das Stichwort heißt Modernisierung. Wahrscheinlich würde die Polizei, Milocevics Prätorianergarde, den Kern der geplanten neuen Armee stellen und dem Regime bedingungslose Loyalität sichern. Alles das sind machiavellistische Manöver, sie ändern an den desaströsen Grundbedingungen nichts. Die Wirtschaft des Landes liegt nach drei Monaten Bombardement darnieder. Sie kann sich nur mit Hilfe aus dem Westen erholen. Aber von dort wird keine Wiederaufbauhilfe kommen, solange in Serbien ein angeklagter Kriegsverbrecher die Fäden zieht. Die Grundformel westlicher Serbienpolitik heißt: "Werdet ihr Milocevic los, dann stehen euch die Türen nach Europa offen!" Aber wer soll ihn loswerden? Und wie will man ihn stürzen?

Hinter den Demonstrationen steht die Allianz für den Wechsel, eine Gruppe kleiner Oppositionsparteien, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Proteste nach und nach auf ganz Serbien auszuweiten. Bisher allerdings bleiben der Allianz zwei wichtige Oppositionspolitiker fern. Vuk Drackovic von der Serbischen Erneuerungspartei (SPO) und Zoran Djindjic. Drackovic, der sich seit seiner Entlassung aus der Regierung Milocevics als die politische Alternative präsentiert, weigerte sich, bei der Auftaktdemonstration in der südserbischen Stadt Cacak mitzumachen. "Die vertreten doch niemanden", sagte er, "ich bin der König der Straße, und ich weiß, wann man zu Demonstrationen aufrufen muss!" Djindjic war erst gar nicht gekommen. Er weilte noch in Montenegro, wohin er sich während des Krieges wegen angeblicher Todesdrohungen geflüchtet hatte. Die Allianz für den Wechsel hat keinen Führer mit nationaler Ausstrahlung - keinen, der es mit Milocevic aufnehmen könnte. Das ist der augenfälligste Unterschied zum Winter 1996/97.

Damals waren Djindjic und Drackovic noch zusammen marschiert. Gemeinsam lockten sie Hunderttausende an. Sie hatten Erfolg, bis sie sich zerstritten und die Hoffnung des anderen Serbien bis auf den heutigen Tag begruben. Die jüngsten Demonstrationen stellen bisher keine reale Bedrohung für Milocevic dar. Sie sind zu klein, zu unorganisiert, zu führerlos. Milocevic kontrolliert die wesentlichen Bereiche: Polizei, Militär, Finanzen und Staatswirtschaft. Demgegenüber steht eine Bevölkerung, die, durch Armut und Krieg erniedrigt, bisher nicht die Kraft gefunden hat, in Massen aufzubegehren. Trotzdem drängen die Gegner des Präsidenten nun auf Neuwahlen. Sie versprechen sich davon einen Erdrutschsieg. Milocevic hingegen zeigt keinerlei Lust, Wahlen auszuschreiben. Sollte er aber dazu angesichts des wachsenden Druckes gezwungen werden, kann seine Partei nach Umfragen des zuverlässigen Belgrader Meinungsforschungsinstitutes Medium mit rund 15 bis 20 Prozent Stimmen rechnen - mehr als jede andere Partei.