Wie die Mediendemokratie funktioniert, begriff Karsten Schönfeld gleich nach der Bundestagswahl im letzten September. Der sozialdemokratische Direktkandidat aus dem thüringischen Eisenberg hatte überraschend den Wahlkreis Gera von der CDU erobert. 50 Kilometer weiter westlich gelang seinem Parteifreund Carsten Schneider in Erfurt der gleiche Coup. Als die beiden Parlamentsneulinge gemeinsam mit dem Zug nach Bonn aufbrachen, hörte Schönfelds Handy überhaupt nicht mehr auf zu piepsen: Aufgeregte Fernsehjournalisten wollten wissen, ob dieser Carsten Schneider aus Erfurt mit ihm unterwegs sei. Bei ihrer Ankunft am Bonner Hauptbahnhof warteten bereits die Fernsehteams - auf Schneider. Denn mit seinen 22 Jahren ist er der jüngste aller 669 Abgeordneten im neuen Bundestag. Für den 35-jährigen Schönfeld interessierte sich keiner.

In Thüringen waren Schneider und Schönfeld noch als gleichrangige Sieger aufgebrochen. Wenige Stunden später, auf dem Bonner Bahnsteig, hatte die Balance zwischen den beiden sich schon verändert. Carsten Schneider kann nichts dafür, dass er im Hohen Haus der Jüngste ist. Aber dass ihn die Medien deshalb vier Jahre lang mit besonderer Aufmerksamkeit bedenken, das wird ihm nur nützlich sein. Zumindest ist es der Rohstoff - die Jugend als persönlicher Startvorteil.

In diesem unübersichtlichen Gelände müssen sich die Bundestagsabgeordneten behaupten. Gerade für die Jüngeren ist das nicht so einfach. 298 Mitglieder hat die sozialdemokratische Bundestagsfraktion, die bisher größte in der Geschichte der Bundesrepublik. 88 gehören dem Parlament erst seit dem letzten September an. Und immerhin 36 Mitglieder der SPD-Fraktion waren am Wahltag jünger als 40 Jahre. "Jeder von uns kam alleine", sagt der 37-jährige Kieler Neuparlamentarier Hans-Peter Bartels, "keine machtvolle Parteijugendorganisation hat uns durchgedrückt." Und nur einer kann fernsehwirksam der Jüngste sein. Daran ist nichts zu ändern.

Die meisten der jungen SPD-Abgeordneten standen bei der Bundestagswahl auf ihren Landeslisten irgendwo ganz hinten auf aussichtslosen Plätzen. Sie sitzen nur deshalb im Bundestag, weil der sozialdemokratische Sieg so erdrutschartig geriet. Viele langjährige CDU-Wahlkreise fielen zur allgemeinen Überraschung an die SPD. Doch sie können so schnell wieder verloren gehen, wie sie gewonnen wurden. Das macht die parlamentarische Existenz der meisten Neulinge prekär und vorläufig. Sie selbst wissen das am besten. "Ich hätte mir nie vorstellen können, wie schnell ich anfangen würde, mir Gedanken darüber zu machen, dass ich hier nur einen Zeitarbeitsvertrag für vier Jahre habe", sagt einer der jungen Neuen.

Das ist das eine Problem. Das andere ist die Selbstbehauptung der Neulinge in der Fraktion selbst. Als Erstes müssen sie sich vernetzen, um sich auch individuell durchzusetzen. Das jedenfalls können die jungen Sozialdemokraten von der Generation der 68er lernen, die in Partei und Fraktion völlig unangefochten den Ton angibt: Einen Vorsitzenden und neun stellvertretende Vorsitzende hat die Bundestagsfraktion; mit einer Ausnahme allesamt Angehörige der Jahrgänge 1940 bis 1949.

Doch um welche Inhalte und Ziele herum könnten sich die Jungen gruppieren? Welchen alternativen Entwurf hätten sie anzubieten? Wenig überraschend ist, dass die Routiniers den Neulingen eher davon abraten, generationelle Eigenprojekte zu verfolgen. Die Vernetzungsexperten der etablierten Enkelgeneration empfehlen die Methode der individuellen Profilierung durch solide Arbeit in den Ausschüssen. "Mindestens vier Jahre" brauche ein junger Abgeordneter ohnehin, um den Parlamentsbetrieb zu durchschauen, sagt die Abgeordnete Brigitte Schulte. Die Niedersächsin, inzwischen Parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, kommt aus der Generation und der Region Gerhard Schröders. Dasselbe gilt übrigens auch für Fraktionschef Peter Struck und den Parlamentarischen Geschäftsführer Wilhelm Schmidt.

Der Rat der Alten an die Jungen: Ihr Ziel müsse es sein, mehr Kompetenz als alle anderen zu besitzen. Das ist nicht verkehrt. Parlamentarismus ist nun einmal Gesetzgebung. Um das mühsame Einarbeiten in die Details konkreter legislativer Materien kommen die Neuen nicht herum. Der studierte Agraringenieur Karsten Schönfeld zum Beispiel hat sich für die Landwirtschaftspolitik entschieden. Das ist zwar traditionell keine Domäne, auf der sich Sozialdemokraten gegenseitig auf die Füße treten. So konnte Schönfeld unterdessen zum stellvertretenden agrarpolitischen Sprecher der Fraktion aufrücken - ein erster kleiner Karriereschritt. Die Zusammenarbeit mit den Beamten in "seinem" Ministerium klappt reibungslos, im Plenum hat Schönfeld schon dreimal das Wort ergriffen. Alles ziemlich unspektakulär, gewiss, aber für einen Parlamentsneuling nach neun Monaten keine schlechte Bilanz.