Die Ministranten der ARD läuten Sturm. Ihr Quotenpastor Jürgen Fliege hat im Sexmagazin Penthouse den Gott liebevoll einen "alten Gangster" genannt, vor dem er nicht weglaufen könne. Andernfalls "schlägt er so lange auf meine Seele, bis ich keinen anderen Ausweg mehr weiß, als ihm zu folgen". Nach langer Gremiendiskussion gelangte der Bayerische Rundfunk zu der Auffassung, der Allmächtige sei kein Gangster, weshalb Fliege aus dem öffentlich-rechtlichen Gottesdienst entfernt werden soll. Die Begründung ist lächerlich und beweist die Unkenntnis der ARD auch auf diesem Gebiet. Der "Betrüger-Gott" - das ist uralte theologische Erbmasse. Denn in einer Welt, die zum Teufel geht, greift Gott zur Maske. Er wird zweideutig. Mal Dornbusch, mal Gangster.

Der Skandal, den die ARD wittert, ist ihr eigener. Sie war es, die Fliege ("Ich bin eine Rampensau") in Amt und Würden brachte. Die ARD ließ zu, dass er als Schausteller der Trauer agiert, der den Schmerz des Einzelnen eintauscht gegen Publizität in der gierigen Menge. Denn Fliege lässt die Leidtragenden zu sich kommen, zwingt zum Geständnis und heilt durch seinen Sermon. Während in der Gesellschaft ein Krieg tobt, privatisiert er das Schicksal. Er moderiert die modernen Tragödien, aber er moderiert sie ab. Er mäßigt. Er klebt zu. Er salbt ein. So füttert der Sekundentröster seine Eitelkeit mit der Pein seiner Gäste. Im Verstehensgeschwätz vergibt TV-Fliege den Menschen, was ihnen angetan wurde. "Passen Sie gut auf sich auf."

Selbsterregung und Selbsterlösung sind Flieges liturgische Formeln. Wenn was juckt oder der kleine Sinnhunger kommt, ruft er nach seinem Herrn, dem alten Gangster. Hallo, sag du zu mir. Coram publico erlöst Fliege vom Skandal des Glaubens und von den Zumutungen der Religion. Das ist die jämmerliche Theologie, die übrig bleibt, wenn der Medienkapitalismus sich in Gestalt eines ARD-Pastors zur Religion aufbläht. Nur ein Gott kann ihn noch retten.