Das Jahrhundert, das nun bald hinter uns liegt, hat manchen Fortschritt gebracht, Wohlstand und Demokratie. Aber es war auch eine Epoche der Barbarei, von großen Kriegen, Terror, Vertreibung und Diktatur. An seinem Ende steht wieder ein Krieg in Europa, an dem wir selbst beteiligt sind, mit Bomben, Todesopfern, Flucht und Vertreibung - und mit einem Mann in Belgrad, Slobodan Milocevic, gegen den vor dem Jugoslawientribunal der Uno in Den Haag nun Anklage erhoben ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Wie so oft ertönt auch hier der Ruf nach dem Richter. Dieser Ruf ist allerdings in Europa und anderswo seit 25 Jahren meistens nur - wenn überhaupt - gegen solche Diktatoren, Unterdrücker (oder wie man sie immer nennen will) laut geworden, die nicht von außen bekämpft und gestürzt worden sind, sondern ihre Macht durch einen Systemwechsel im Inneren verloren hatten.

Ja, was heißt es eigentlich? Vergangenheit in diesen Dimensionen ist zunächst Geschichte. Zum Beispiel Erich Honecker. 1993 wurde der Prozeß gegen ihn wegen seiner Krankheit eingestellt, und er konnte nach Chile reisen, wo er im folgenden Jahr gestorben ist. Das Urteil des Berliner Landgerichts brauchte er nicht mehr zu fürchten, wohl aber das der Geschichte. Viele haben sich gefragt, ob das reicht, dieses Urteil der Geschichte, wenn man an die Opfer denkt und ihre Angehörigen. Umgekehrt bleibt die Frage: Was haben die Opfer davon, wenn Täter bestraft werden?

Wir haben ihn gerade wieder erlebt, den Jubel der Verfolgten und ihrer Angehörigen - nach dem Urteil der englischen Lords gegen Pinochet, das eine Verurteilung in Spanien möglich macht. Aber fühlen alle so, und hilft es wirklich? Die Abschreckungswirkung von Strafen auf andere Unterdrücker ist jedenfalls bisher gleich Null. Wenn das Strafen also fragwürdig ist, bleibt die Wahrheit. Muß sie immer aufgeklärt werden, oder ist es manchmal nicht sogar besser zu vergessen? Endgültige Antworten wird es nicht geben. Jedenfalls ist in verschiedenen Situationen unterschiedlich reagiert worden.

Als 1974 auf Zypern der Putsch gegen Makarios gescheitert war, führte das zum Sturz der griechischen Militärdiktatur, die ihn inszeniert hatte. Retter in der Not war der große alte Karamanlis, der die neue Demokratie nicht mit zu vielen Prozessen belasten wollte. Nur die Hauptverantwortlichen des Staatsstreiches von 1967 sollten zur Rechenschaft gezogen werden, wegen Hochverrats, an ihrer Spitze Papadopoulos und Ioannidis. Der Prozeß fand statt, drei von ihnen wurden zum Tode verurteilt, die anderen erhielten lange Freiheitsstrafen. Karamanlis machte von seinem Gnadenrecht Gebrauch und wandelte die Todesstrafen um in lebenslange Haft. Damit schien dies Problem erledigt.

Aber es gab Protest. Zu viele derjenigen, die schwere Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hatten, Folter und Mord, liefen noch frei herum. Also fanden auf Druck der Öffentlichkeit zwei Nachfolgeprozesse statt, einer gegen die schlimmsten Folterer und einer gegen die Verantwortlichen für die blutige Unterdrückung der Studentenproteste 1973 in Athen, bei denen es mindestens fünfzig Tote gegeben hatte. Aber das war dann auch alles. Die griechische Armee ist nie richtig gesäubert worden, Hunderte von Straftaten blieben bis heute ungesühnt.

Als Franco 1975 starb, nach über vierzig Jahren Diktatur, hat der von ihm ernannte Nachfolger Juan Carlos Spanien sehr behutsam und klug in die Demokratie geführt. 1977 fanden freie Wahlen statt, und das Parlament hat sogleich ein Amnestiegesetz erlassen, für alle Straftaten. Es hat keine Prozesse gegeben, obwohl der Ruf nach dem Richter nicht selten zu hören war.