Berlin

Mit dem kürzlich vollzogenen Fahrplanwechsel der Bahn ist Berlin wieder ein Stück näher an "Westdeutschland" (wie man hier immer noch gerne sagt) herangerückt. Böse Zungen könnten behaupten, die Hauptstadt sei jetzt auf dem besten Wege, zum Vorort von Hannover zu werden, von dem sie gerade einmal noch anderthalb Stunden trennen - übrigens mit größerer Zuverlässigkeit, als es das derzeit modische "Bahn-bashing" wahrhaben will.

Im Ernst: Niemand sollte die tiefen Wirkungen einer enger gezurrten Infrastruktur und Kommunikation auf das politische Bewusstsein unterschätzen.

Dass Räume durch neue Verkehrsmittel zusammenschrumpfen und damit das Zusammenwachsen der "Nation" befördern, war schon vor 150 Jahren in der Revolution von 1848/49, kurz nach der Erfindung der Eisenbahn, eine wichtige Erfahrung der Zeitgenossen. Man braucht aber auch nur an den Weg nach Berlin über die Transitstrecken der DDR zurückzudenken, um zu ermessen, was sich verändert hat: Für die Jüngeren, die mit der zweifelhaften Normalität dieser heute nur noch bizarr wirkenden Wege aufwuchsen, schien Berlin kurz vor Moskau und Sibirien zu liegen, eine Insel irgendwo im osteuropäischen Niemandsland.

Heute, fast zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, kommen die 1989/90 häufig gestellten Prognosen wieder in Erinnerung, die Bundesrepublik werde nach der Vereinigung "östlicher" werden, womit gemeint war: protestantischer, ernster, vielleicht gar autoritärer. In diesem Sinne schien ein Sog von der "östlichen" Stadt Berlin auf den Westen, auf Deutschland insgesamt auszugehen.

Wo liegt Berlin? Ein Blick auf historische Landkarten zeigt in der Tat unmissverständlich, dass sich die Stadt in den letzten 200 Jahren innerhalb Preußens und Deutschlands immer weiter nach Osten verschoben hat. Zur Zeit Napoleons lag sie an der westlichen Peripherie des geschrumpften preußischen Staates, im Reich von 1871 war sie schon in die geografische Mitte gerückt, gleich weit entfernt von Aachen wie von Königsberg. Seit 1945 ist Berlin nach der Landkarte eine ostdeutsche Stadt, und jetzt eine grenznahe Hauptstadt nach Osten wie zuvor Bonn nach Westen. Die Stadt war fast immer, unter ganz verschiedenen politischen Umständen, ein Tor des Ostens, eine nach Osteuropa geöffnete Metropole - der "Ostbahnhof Europas", wie es der Historiker Karl Schlögel genannt hat.

Und doch: Die rasante Veränderung der Stadt in den vergangenen Jahren ist ein guter Beleg dafür, dass die Geografie keineswegs "Schicksal" eines Staates ist. Die 1989 gestellten Prognosen, die vielfach gehegten Befürchtungen haben sich nicht erfüllt - im Gegenteil: Heute ist Berlin wahrscheinlich "westlicher" als je zuvor in seiner Geschichte. Das gilt nicht nur wegen der schnelleren Verkehrswege in den alten Westen, sondern vor allem für das innere Gepräge der Stadt selbst. Auf eine durchaus verblüffende Weise und mit amerikanischer Geschwindigkeit, die man Deutschland gar nicht mehr zugetraut hatte, haben komplette Stadtbezirke des früheren Ostteils wie Mitte und Prenzlauer Berg ihren Charakter verändert, sich neu durchmischt. Jetzt hört man von Bundestagsabgeordneten, die mit leuchtenden Kinderaugen in die östlichen Bezirke aufbrechen, um dort das in Bonn vermisste Großstadtleben zu erkunden. Und so gesehen ist es vielleicht doch passend, daß mit Johannes Rau noch einer der letzten West-Patriarchen, einer der alten Herrscher vom Rhein, im Schloss Bellevue Einzug hielt.