Der "Druck der Straße" ist eine der klassischen Angstvorstellungen, wenn es um die Hauptstadt Berlin geht. Zuletzt wurde die Furcht vor den Massen noch einmal wach, als Martin Walser angeblich zu Bürgerprotesten gegen das Holocaust-Mahnmal aufgefordert hatte (was sich dann als Missverständnis herausstellte).

Der Aufruf, den es nie gegeben hat, ist aber gleichwohl befolgt worden: im Rahmen von Horst Mahlers völkischer Montagsdemonstration, die sich einmal unter einem Anti-Mahnmal-Plakat versammelte. Es werden etwa zwanzig Teilnehmer gewesen sein, begleitet von vier Mannschaftswagen der Polizei. Den aus Funk und Fernsehen bekannten Neonazi Manfred Roeder, der auch dabei war, haben wir eine halbe Stunde später schon wieder in einer S-Bahn stadtauswärts gesehen. Die Faszination des Radikalismus scheint nicht einmal auf seine Vorkämpfer sehr stark zu wirken. Die wirklichen Berliner Massendemonstrationen sind unpolitisch: der Lesben- und Schwulenkarneval des Christopher Street Day, den die Stadt gerade hinter sich hat, das Jugendspektakel der Love Parade, das ihr an diesem Wochenende bevorsteht. Das Raver-Festival, das die einen für einen typisch weltstädtischen Ausnahmezustand halten, die anderen für einen typisch spießigen Gratis-Exzess, ist ein typisches Berliner Debattenthema der vergangenen Jahre gewesen, der ereignisarmen Wartezeit auf Parlament und Regierung. Die geschäftstüchtigen Veranstalter, die sich vom zuständigen Bezirksamt schlecht behandelt fühlen, drohen dieser Tage ein bisschen damit, die Vergnügungsproduktion ins investorenfreundlichere Ausland zu verlegen, nach Paris. Der Unterhaltungsstandort Berlin ist bedroht.

Übrigens hat auch die Love-Parade angeblich eine politische Botschaft sie soll, wie der Name schon sagt, versöhnen statt spalten: diesen Kuss der ganzen Welt. Wozu es natürlich auch eine entsprechende Kulturkritik an der repressiven Toleranz einer solchen Amüsier-Ideologie gibt, die unter dem Schein der Enthemmung bloß die ehernen Gesetze einer Ex-und-hopp-Konsumgesellschaft exekutiere. Na ja. Das Greifbarste an der ganzen Sache ist jedenfalls die Verwüstung, die sie am Tag danach im Tiergarten zurücklässt. Vom Druck der Straße zum Dreck der Straße. Den wollen wir den Parisern nicht zumuten. Die Love Parade soll in Berlin bleiben.