Wenn Herr Wotan zu Hause ist und die schwere Last der Weltherrschaft von ihm abzufallen beginnt, lässt er sich gerne etwas gehen. Dann zieht er seine schlabberige Trainingshose an, bläst die blau-rote Luftmatratze auf und rekelt sich auf seinem mächtigen Bauch, über dem ein viel zu enges T-Shirt spannt. Dann hält er als Zeichen der Macht nicht mehr seinen Speer in der Hand, sondern einen langen Grashalm, mit dem er sein Lieblingskind Brünnhilde gedankenverloren an der Wange kitzelt. Eine merkwürdige Geste: Zärtlich ist sie, aber auch besitzergreifend und unverhohlen lüstern. Denn Herr Wotan, wir erfahren es bald, ist ein sadistischer Kinderquäler, ein Inzesttäter, ein anderer Monsieur Dutroux, ein Machtmensch, der seinen Perversionen freien Lauf lässt.

Christoph Nel hat in Stuttgart Walküre inszeniert und zeigt mit Wagner, wie das ineinander greift: Herrschaftsverfall, Lust und Gewalt. Brünnhilde war ihrem Vater nicht mehr bedingungslos zu Willen, hat eine freie Entscheidung getroffen. Und dafür wird sie bestraft. Im letzten Akt der Oper ist die Bühne in zwei Ebenen geteilt. Oben blicken wir auf eine schmuddelige Wand, vor der ein blanker Tisch und zwei Stühle stehen wie im Gefängnis. Das ist der Walkürenfelsen - ein fensterloses Verlies, in das Brünnhilde verbannt wird.

Unten befindet sich ein schwarzer Regieraum, in dem Wotan Kaffee und Whisky trinkt und sich mit der Fernbedienung Monitorbilder von Brünnhilde auf einen Fernseher zappt. Er kann nicht genug kriegen von den Kerkeraufnahmen seiner Tochter, spult ein ums andere Mal zurück. So desolat, so schwankend zwischen inzestuöser Zuneigung und fieser Qual hat man Wotans Abschied noch nicht gesehen. Fünf Haushaltskerzen reicht er ihr hinauf, die sie im Halbkreis auf den Tisch stellt. Mehr Feuerzauber ist nicht. Wenn Loges Flammen im Orchestergraben züngeln, richtet Wotan einen gleißenden, folterhellen Scheinwerfer auf Brünnhilde. Geblendet, gebannt, voyeuristisch preisgegeben ist das Kind.

Auch Sieglinde hat offenbar ihre Erfahrungen mit dem Vater gemacht. Wotans Schwert (und Phallus) ist ihr als brennendes Lichtmal, als Stigma auf den zierlichen Körper geschrieben. Inzestverwundungen auch hier. Und Siegmund zieht Notung nicht aus der Weltesche, sondern dreht es schier aus dem Leib seiner Zwillingsschwester, so schmerzverzerrt und krampfhaft hält sie es umklammert. Wie die Liebe des Wälsungenpaars überhaupt eine Entwicklung ganz gegenläufig zu den Stückkonventionen nimmt: Ganz nah sind sie sich vor allem zu Beginn. In hellen Flammen steht ihre Leidenschaft vom ersten Augenblick an ihrer Begegnung - wie sie sich lustschaudernd die Finger lecken, wie Sieglinde ihren Körper dem Bruder lasziv entgegenbiegt. Und wenn dann zu "Winterstürme, wichen dem Wonnemond" die Gefühle endgültig rasen und sich die beiden "erkennen", beobachtet man plötzlich einen schmerzlichen Prozess der Entfremdung, nicht der Verschmelzung. Die schockierende Ahnung des vorbestimmten Schicksals, wohl auch die keimende Einsicht, dass sie von höherer Macht benutzt werden, scheint sie einander fremd werden zu lassen. An den Händen sich haltend, streben sie verzweifelt in entgegengesetzte Richtungen auseinander, bevor der Vorhang am Ende des ersten Aufzugs fällt.

Von der Natur bleibt bei Christof Nel nur ein Klumpen rohes Fleisch

So spürt Nel immerzu der Triebdynamik von Wagners Protagonisten nach, oft grandios, oft spekulativ. Aber manchmal rutscht er auch aus auf dem vielen Dramaturgengehirnschmalz, das in die Interpretation eingeflossen ist: Szenisch wenig überzeugend ist der Showdown am Schluss des zweiten Aufzugs, wenn der Heldenkampf zwischen Hunding und Siegmund als Blechritter-Puppenspiel nachgestellt wird, während die Sänger plötzlich mit Flüstertüten hinter Notenständern stehen.

Die traditionsbewussten Wagner-Liebhaber werden da ihre Walküre kaum wiedererkannt haben. Ausgerechnet dieses plüschige, großdimensionierte Ruhekissen im anstrengenden "Ring", in dem es sich mancher bei süffiger Musik gemütlich zu machen pflegt, den Sängern nachschmeckt und ab und an ein wenig wegdämmert, erlangt in Stuttgart fröstelnde Unwirtlichkeit. Getilgt ist aller illusionistische Zauber, subversiv unterlaufen werden die spektakulären Bühnentricks des alten Theaterrecken Wagner. Von Natur keine Spur in den etwas krude zwischen Weite und Enge und verwirrenden Perspektivwechseln changierenden Räumen des Bühnenbildners Karl Kneidl. Nur ein Klumpen rohes Fleisch taucht da als Restnatur im ersten Aufzug auf. Hunding knallt ihn in einer Plastiktüte auf den Tisch. Sieglinde legt ihn in die Pfanne auf dem Campingkocher. Blutig kommt er auf die Teller der Männer.