Regt sich in den letzten Bonner Tagen plötzlich eine neue politische Generation? Entsteht eine Gruppe von Nachwuchspolitikern, die den Gleichaltrigen im gegnerischen Lager oft näher stehen als den Altvordern im eigenen?

In dieser Allgemeinheit ginge die Behauptung zu weit. Aber es gibt Anzeichen für Bewegung unter den jüngeren Bundestagsabgeordneten. Wie alle Neulinge seit eh und je sorgen sie sich darum, wie sie im zementierten und ritualisierten Parlamentsbetrieb Einfluss erlangen können: für sich persönlich, gewiss

aber auch für Anliegen, die ihnen - und das ist neu - parteiübergreifend wichtig sind.

Dazu gehört vor allem das Problem der Staatsverschuldung, die mit 2,3 Billionen Mark inzwischen selbst von jungen Sozialdemokraten als untragbare Hypothek für künftige Generationen begriffen wird (siehe Streitgespräch, Seite 5). Dazu gehören die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme und die Frage, wie man wirkliche Bildung für möglichst viele gewährleisten kann.

In zwei Papieren haben sich junge Grüne mit ihrer Partei auseinander gesetzt: Die einen kritisieren den altlinken Politikstil des Parteiestablishments, die anderen geißeln die Kritiker (siehe Seite 3). Auch bei den Sozialdemokraten tut sich etwas: Die unter 40-Jährigen in der Bundestagsfraktion haben ein eigenes "Netzwerk" und jüngst eine Zeitung mit dem provokanten Titel Berliner Republik gegründet. Sie diskutieren über Begriffe wie "Verantwortung" und "Autorität" und darüber, was die Gesellschaft zusammenhält. Auch die jungen Freidemokraten melden sich mit Thesen gegen ihre Parteiführung zu Wort (siehe Seite 4).

Am ruhigsten geht es bei den Christdemokraten zu: Die Jungen Wilden sind von der Bildfläche verschwunden. Die Junge Union muss den Schock des Wechsels von der Regierungs- zur Oppositionsjugend verdauen.

Gemeinsam ist den Nachwuchsleuten ihr unspektakulärer Pragmatismus: Schließlich sind die Lösungsvorschläge für alle größeren gesellschaftlichen Probleme in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gründlich hin- und hergewendet worden, dass die Zeit für den Konsens reif scheint. Inszenierte Freund-Feind-Auseinandersetzungen wirken meist nur noch lächerlich - die jungen Pragmatiker spielen diese Spiele nicht gern mit.