Ende Mai schien es mal wieder so weit zu sein: Der traditionsreiche Hersteller Dunlop ließ einen Pkw-Reifen vom TÜV Bayern auf Umweltfreundlichkeit testen. Der SP Sport 200 E sollte als erster Autoreifen das Umweltzeichen "Blauer Engel" tragen. Tatsächlich rollte er widerstandsarm über den Normasphalt und versprach deutliche Spriteinsparung. Außerdem machte er nur noch halb so viel Krach wie herkömmliche Reifen. Auch alle anderen Kriterien für den Blauen Engel waren erfüllt - Dunlop hätte ab sofort dem 200 E das Öko-Siegel in die Flanken prägen dürfen. Die Motorpresse hatte die Headlines schon gesetzt - da machte Dunlop plötzlich einen Rückzieher. Die Geschäftsführung wolle, so ein offenbar selbst irritierter Sprecher, den Blauen Engel nun doch nicht. Weil es ohnehin weltweit zu viele regionale Ökolabels gebe. Und weil es keinen Sinn habe, den Blauen Engel nur für eine Profilgruppe zu beantragen.

Die Argumente sind in der Branche seit Jahren bekannt. 1997 begann das Gezerre um den Ökoreifen. Lange schon waren Zahlen in Umlauf, die Gesundheitsschädigungen durch Verkehrslärm belegten. Mediziner glauben, dass der Krach nach dem Rauchen die zweitwichtigste Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Weil aber die Motoren immer leiser wurden, fiel der kritische Blick der Lärmexperten immer häufiger auf die Reifen.

Damals setzte sich das Umweltbundesamt (UBA) mit Vertretern der Gummikocher Continental, Pirelli und Dunlop zusammen und entwickelte Kriterien für einen zertifizierten umweltfreundlichen Autoreifen. Ein solcher Reifen darf demnach nicht lauter als 72 Dezibel sein. Das entspräche einer Lärmminderung von 3 bis 5 Dezibel und hieße, dass zwei Autos mit Engel-Bereifung so laut wären wie ein konventionell besohltes. Weiterhin muss der Reifen so "rollwiderstandsoptimiert" sein, dass sich mit ihm fünf Prozent Sprit sparen lassen. Dann muss er leicht sein, lange halten, dabei aber auch anständig bremsen, bei Regen den guten "Nassgriff" haben, und er darf auch bei Aquaplaning nicht versagen. Hersteller, die diesen Reifen bauen können, dürfen ihn seit dem August 1997 mit dem Blauen Engel schmücken.

Doch offenbar wird der Blaue Engel nicht überall als Schmuck angesehen.

Obwohl neben dem erwähnten Dunlop-Pneu schon mehrere Reifen am Markt sind, die sofort den Blauen Engel tragen dürften, hat sich bisher niemand bei den zuständigen Normenhütern des RAL e. V. gemeldet. Der Blaue Engel, der 1978 zum ersten Mal für ein Produkt vergeben wurde, übrigens für runderneuerte Autoreifen, wird bis heute von den Reifenherstellern schlicht boykottiert.

Der umweltbewusste Autofahrer darf derweil rätseln, ob ihn ein E oder Eco in der Fabrikatsbezeichnung eines Pkw-Reifens an ecological oder economical denken lassen soll.

Und er soll nach dem Willen der Hersteller ruhig rätseln. Der Continental-Reifen Eco Contact war Anfang der neunziger Jahre, lange vor der Engel-Debatte, der erste sogenannte Ökoreifen. Er wurde als Spritsparer angepriesen, als "grüner Reifen" beworben, der "sich von allein bezahlt" - und wurde ein Reinfall. Motorjournalisten hatten festgestellt, dass dieser Reifen ein um drei bis vier Prozent schlechteres Nassbremsverhalten zeigte.