Beschwörende Appelle haben Nordirlands Politiker in den letzten Jahren mehr als genug vernommen. Ob Tony Blair, Bill Clinton oder Irlands Bertie Ahern - sie alle sprechen jetzt von einem "historischen Durchbruch" und einer "einmaligen" Chance. Solch überschwängliche Rhetorik fordert allerdings den Einwand heraus, dass bislang noch jeder "letzten Chance" eine weitere, allerletzte folgte. Gut möglich, dass Mitte Juli, wenn die Frist abläuft, die London und Dublin den Konfliktparteien gesetzt haben, Nordirland erneut vor den Trümmern einer gescheiterten Friedensinitiative stehen wird.

Die protestantischen Unionisten unter David Trimble verweigern bislang die Zustimmung zu einem Kompromiss, durch den Nordirland eine eigene Regierung sowie institutionelle Gewaltenteilung zwischen Protestanten und Katholiken erhalten soll. Der Grund: Es würde zwei Politikern von Sinn Féin, dem politischen Flügel der IRA, der Weg ins Kabinett geebnet. Erst die Waffenabgabe der IRA, dann Ministerposten für Sinn Féin, lautet die Forderung der Unionisten. Doch selbst reformwillige Protestanten, die im Karfreitagsabkommen einen Ausweg aus der nordirischen Sackgasse sehen, sind mehr als skeptisch. Aus historischen Gründen: Die IRA hat Waffen niemals abgegeben, sie hat sie vergraben, vielleicht auch verrosten lassen. Vertreter von Sinn Féin und IRA setzten Abrüstung noch stets mit Kapitulation gleich.

Es gehe einzig um die Abrüstung des britischen Staates, so Brian Keenan, der als Mitglied des Armeerates der IRA gilt.

Doch nun scheint das Undenkbare möglich. In London und Dublin ist man offenbar davon überzeugt, dass sich bis Mai 2000 das große Ziel der völligen Entwaffnung der IRA und der (kleineren) loyalistischen Untergrundarmeen verwirklichen lässt. Man erkennt einen "dramatischen Sinneswandel". Die republikanische Bewegung habe "den Rubikon überschritten", verkünden in schöner Harmonie Politiker und Diplomaten in beiden Hauptstädten.

Nicht sicher ist, ob sie sich vom Prinzip Hoffnung oder harten Fakten leiten lassen. Bislang haben es Sinn Féin/IRA stets vermieden, eine unwiderrufliche Entscheidung zwischen Politik und Terror zu treffen. In den Jahren des Friedensprozesses operierte die republikanische Bewegung lange Zeit in der Grauzone zwischen Frieden und Krieg, zwischen Verhandlungsbereitschaft, dosiertem Terror und der verhaltenen Drohung, doch wieder zum bewaffneten Kampf zurückzukehren.

Doch nun steht die republikanische Führung vor einem folgenschweren Dilemma.

London und Dublin haben sich so weit verständigt, dass sie Farbe bekennen muss: Entweder organisieren sich die Republikaner als politisch-demokratische Kraft. Dann ist kein Platz mehr für eine bewaffnete Untergrundarmee. Oder sie verweigern die Abrüstung. Damit aber würde Sinn Féin politisch verlieren.