Der eine las Kindergedichte, der andere den 92. Psalm. Plötzlich traten die Worte aus ihren Höhlen, denn beide begriffen, dass die Worte mit ihrem Leben zu tun hatten. Da begannen sie zu schreiben, zwei jüdische Komponisten in Amerika - der eine umschattet vom Würgeengel der Erinnerung, der andere erfüllt von der Hoffnung auf Trost für ein Volk. In der Decca-Reihe "Entartete Musik" haben beide Werke auf einer CD (Decca 460 211) einen Platz im Gedächtnis gefunden. Sie verbindet die Freundschaft ihrer Schöpfer, sie verschwistert der Name des Todes: Theresienstadt.

Als Franz Waxman (1906-1967) drei Jahre vor seinem Tod die Gedichtsammlung tschechischer Kinder aus dem Internierungslager Theresienstadt entdeckte, galt er in Los Angeles als weitsichtiger Pate der Avantgarde. Er hatte zwei Filmmusik-Oscars in der Vitrine stehen und konnte sich die Aufträge aussuchen. Doch die überlebenden Verse aus Theresienstadt und die Tapferkeit, die aus ihnen leuchtete, trafen ihn in der Seele. Kurz bevor er Deutschland verließ, hatten die Nazis den jungen Franz Wachsmann aus Oberschlesien in Berlin auf offener Straße misshandelt. Jetzt, 30 Jahre später, spürte er den Stern, den er nie zu tragen brauchte. Er spürte ihn still, komponierte kein Mahnmal, sondern einen Liederzyklus für Mezzosopran, Chor und Orchester: The Song of Terezøn. Das ist Musik voll düsterer, albdrückender, sogar zynisch naiver Klänge. Sie wissen, welches Schicksal jene Kinder treffen sollte, die von ihren Träumen und Ängsten in den KZ-Baracken gedichtet hatten.

Bei dem Wiener Eric Zeisl (1905-1959) war die Nähe zu Theresienstadt persönlicher. Es war der letzte Ort, an dem sich Spuren seines Vaters fanden.

Von dessen Tod erfuhr er, als er 1944 in Hollywood Musik für die Synagoge schreiben sollte. Seit seiner Emigration und seit der aufwühlenden Lektüre von Joseph Roths Hiob hatte Zeisl Schicksal und Religion der Juden wie ein komponierender Treuhänder verarbeitet. Jetzt, mit dem Stachel im Herzen, erhöhte er sie ins Kollektive. Sein Requiem Ebraico auf den Text des Tov l'hodos (des 92. Psalms) gilt allen Juden, die "Gott danken und nicht aufhören zu hoffen". Es ist ein beklemmender, zärtlicher Sehnsuchtsgesang im Zerrspiegel des Unbegreiflichen.

Wie stets in der Reihe "Entartete Musik" ist die Präsentation (mit Solisten, Rundfunkchor und RSO Berlin unter Lawrence Foster) augen- und ohrenöffnend.

Präzision und expressive Dichte gelten zwei Meisterwerken auswärtiger mitteleuropäischer Musikgeschichte. In ihnen schlug das Pendel zwischen Kalifornien und Theresienstadt.