Hamburg

Der Beruf des Arztes, so heißt es, verliere an Ansehen und Respekt. Im täglichen Umgang mit den Patienten ist davon vorläufig noch wenig zu spüren.

Glücklicherweise. Gerade als junger Krankenhausarzt am Ende des zweiten chirurgischen Ausbildungsjahres weiß ich: Ohne den hartnäckigen, historisch gewachsenen Nimbus des grundsätzlich Wohltuenden, des Vertrauenswürdigen und Kundigen könnten Ärzte ihre täglichen Aufgaben niemals angemessen erfüllen.

Auch die noch so verständlich und einfühlsam erläuterte Therapie bedarf der symbolischen Unterfütterung durch Titel und Kittel.

Wo eine langjährige persönliche Vertrauensbildung zum Arzt fehlt, entsteht beim Patienten oft genug nur auf diese Weise die Überzeugung, er sei in guten Händen. Wer außer Kleinkindern glaubte denn einem jugendlichen Endzwanziger wie mir, dass die vorgeschlagene Behandlung Hilfe verspricht, umgäbe nicht auch mich irgendwie noch der "Glanz" vieler hundert Jahre ärztlicher Heilkunst? So aber findet der vierzigjährige Vater mit Magenkrebs im Aufklärungsgespräch einen Weg durch die Verzweiflung. Nur so reißt sich der betrunkene Gewalttäter wenigstens so weit zusammen, dass ich ihm die Schulter einrenken kann.

Gleichsam als Zins und Tilgung für den erhaltenen Autoritätskredit sehe ich mich in der Pflicht, das Ansehen meines Berufstandes zu wahren. Was aus der Behandlung meiner Patienten idealiter erwächst, Heilung und Vertrauensgewinn, ist die eigentliche Dividende meiner Tätigkeit, die eigentliche Quelle berufsspezifischer Zufriedenheit. Eine andere Befriedigung könnte mir meine Position - bei eingeschränkter Freizeit und bescheidenem Gehalt - auch gar nicht verschaffen.

Kurz: Ohne den geliehenen Glanz des Arztberufs keine Chance auf Erfüllung im Beruf. Und das Glück des Arztes kann auch in Deutschland (nicht nur im Fernsehen) noch immer sehr groß sein. Gerade deswegen bin ich in Sorge um das öffentliche Ansehen des Arztberufes: Es ist die Voraussetzung für den Erfolg meiner Arbeit.