Manche Geld-Gurus, aber auch seriöse Ökonomen glauben zu wissen, dass in den vergangenen Wochen an den Kapitalmärkten eine grundlegende Wende stattgefunden hat: Die Zinsen im Rekordtief sind bereits Vergangenheit, von nun an geht's bergauf.

Solche Prognosen sind keine reinen Hirngespinste - und das nicht erst seit die amerikanische Notenbank entschied, ihren Leitzins um einen viertel Prozentpunkt zu erhöhen. Wer hierzulande festverzinsliche Wertpapiere kauft, kann sich seit kurzem über eine höhere Rendite freuen. Käufer von Eigenheimen, die ihre Immobilie auf Kredit erwerben, erleben hingegen eine unangenehme Überraschung - Hypotheken sind teurer geworden. Vor allem am "langen Ende" des Kapitalmarktes, also bei langfristigen Darlehen, sind die Zinsen gestiegen.

Für Wachstum und Beschäftigung nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten anderen Mitgliedsländern der Europäischen Währungsunion wäre es verhängnisvoll, wenn der jüngste Zinsanstieg der Beginn eines lang anhaltenden Trends wäre. Denn je höher die Finanzierungskosten, desto schlechter rechnen sich neue Investitionen. Ohne die gibt es aber nicht mehr Wachstum und keine neuen Jobs.

Zudem würden höhere Zinsen die Bemühungen um eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte gefährden. Allein der Bund hat einen Schuldenberg von nahezu 1,4 Billionen Mark aufgetürmt. Stiege das Zinsniveau auch nur um einen Prozentpunkt, müsste Finanzminister Hans Eichel auf Dauer 14 Milliarden Mark mehr Kreditzinsen im Jahr zahlen. Die Hälfte seines gerade erst geschnürten Sparpakets wäre gleich wieder perdu.

Seit Inkrafttreten der dritten Stufe der Währungsunion zum Jahresbeginn sind die Zinsen kein nationales Problem mehr - alle elf Mitglieder der Eurozone sind gleichermaßen betroffen. Längst hat sich der Kapitalmarktzins in Euroland bis auf geringe Nuancen angeglichen. Außerdem gibt es in der Währungsunion mit Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) nur noch eine einheitliche Geldpolitik für alle Euro-Länder - für den gemeinsamen Zentralbankrat angesichts der Unterschiede in der Konjunktur der einzelnen Mitgliedstaaten keine leichte Aufgabe.

Doch wie groß ist tatsächlich das Risiko eines weiter anziehenden Zinsniveaus in Euroland? Für eine solche Entwicklung spricht im Wesentlichen nur der Aufwärtstrend in den Vereinigten Staaten. Dort stiegen schon im vergangenen Herbst, lange vor der Erhöhung der Notenbankzinsen, die Kapitalmarktzinsen.

Wegen des Wirtschaftsbooms in den USA war dies nicht überraschend. Nach den Erfahrungen folgen die Zinsen in Europa meist dem amerikanischen Vorbild, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung und auf anderem Niveau. So ist die jüngste Erhöhung der Zinsen am europäischen Kapitalmarkt vor allem dem Sog aus Amerika zuzuschreiben. Hinzu kommt sicher auch, dass die Asienkrise zusätzlich das europäische Zinsniveau nach unten verzerrt hatte