Paris

Plötzlich stand Gerhard Schröder auf einer kleinen Hotelterrasse mitten in Paris und hielt einen Stehkonvent zu den deutsch-französischen Beziehungen.

Ein Jahr ist das her. Viel verstand er nicht von der Sache. Dafür hatte er sich aber eine Beraterin genommen, die ihm den Vorwurf der Inkompetenz in einem Kernbereich der deutschen Außenpolitik vom Halse hielt: Brigitte Sauzay, als Chefdolmetscherin der französischen Staatspräsidenten mit allen Einzelheiten seit langem vertraut. Für den Wahlkampf war das wunderbar.

Inzwischen herrscht Alltag. Brigitte Sauzay hat ein Büro im Kanzleramt, ein paar Mitarbeiter und ein diffuses Aufgabengebiet. Die harten deutsch-französischen Themen werden in der außenpolitischen Abteilung des Kanzleramts oder von den Fachministerien behandelt. Manchem alten Bekannten aus Paris oder Bonn gefällt es auch, ihr Steine in den Weg zu legen. Das Risiko ist gering. Politisches Eigengewicht oder eine institutionelle Bodenhaftung hat sie weder in Frankreich noch in Deutschland.

Damit ist der Handlungsrahmen der ersten offiziellen "Kanzlerberaterin für die deutschfranzösischen Beziehungen" eng abgesteckt: Viel mehr als ihre Vorstellungskraft, den guten Willen der anderen und die Gnade des Bundeskanzlers hat Brigitte Sauzay nicht zur Verfügung. So wird man es dereinst nicht ihr persönlich zuschreiben können, wenn sich die deutsch-französische Sonderbeziehung rapide verschlechtert hat, seitdem es ihr Amt gibt.

Die Großwetterlage zwischen Deutschland und Frankreich hat sich geändert. Der erste Grund ist persönlich: Der neue deutsche Bundeskanzler hat in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit kein Verhältnis zu den zwei führenden Männern Frankreichs gefunden - und umgekehrt. Die Beziehung zum Staatspräsidenten könnte sich nach dem Ende der EU-Ratspräsidentschaft entspannen. Mit dem sozialistischen Premierminister hingegen hat Gerhard Schröder es sich spätestens durch die Veröffentlichung des Blair-Schröder-Papiers kurz vor der Europawahl gründlich verdorben. Lionel Jospin hat den Zeitpunkt der Veröffentlichung zu Recht als Provokation verstanden, konterkarierte es doch sein persönliches Konzept zur Europawahl. In derlei Angelegenheiten hat er, wie andere schon erfahren haben, ein gutes Gedächtnis.

Die zweite Erklärung ist rein französisch und institutionell: In Frankreich zeigt die lange Kohabitation zwischen einem bürgerlichen Staatspräsidenten und einem linken Premierminister lähmende Nebenwirkungen. Jacques Chirac und Lionel Jospin befinden sich in einer Art Vorwahlkampf um das Amt des Staatspräsidenten, der noch drei Jahre dauern kann. Beide wissen, dass ihre Wähler nationale Erfolge höher bewerten werden als eine zukunftsweisende Reform der europäischen Agrarfinanzierung.