Zwei Küsse, zwei Welten, ein Abgrund. Hier ein bluttriefendes Mänaden-Maul, décadence, Lust bis über den Tod hinaus

da Idylle, Erweckung, Eros als Lippenbekenntnis. Salome, die Prinzessin von Judäa, küsst den Mund des Jochanaan. Das heißt: sie berührt totes, kaltes, blaues Fleisch, die Zunge eines "heiligen Mannes" und Propheten, Johannes des Täufers, dem sie kurz zuvor das bärtige Haupt hat abschlagen lassen. Daphne wiederum, die keusche Nymphe, wird von Apoll, dem Sonnengott, dem Herrscher über Kunst und Musik, geküsst, ja beglückt. Das heißt: sie ist die Auserwählte, das Objekt seiner Begierde, die Muse, die ihn mächtig macht. Als Dank dafür verwandelt der Gott sie in einen Lorbeerbaum - so jedenfalls deuteten Richard Strauss und sein Librettist Joseph Gregor den Mythos, der bei Ovid noch eine ganz andere Sprache spricht. Von Flucht ist da die Rede, von Todesangst und von der natürlichen Selbstauslöschung alles Weiblichen.

Zwei Frauenfiguren, zwei Opern. Drei Jahrzehnte und die Fama eines großen ästhetischen Bruchs trennen sie. Salome entstand 1905, Daphne 1938. Beide legen sie den Finger an den Puls ihrer Zeit, was möglicherweise erklärt, dass sie im Strauss-Gedenkjahr 1999 zu den Stücken der Saison aufrückten - in Salzburg, Frankfurt, Essen, Berlin und Graz. Zwei Pole, zwei Konzepte von Musiktheater?

Fruchtwasser, Blut und Psychoanalyse

Salome, der erste große künstlerische Durchbruch von Strauss, scheint die ganze Abstrusität der Oper herauszufordern, zwingt die schönstmögliche, liebestrunkenste, rauschhafteste Musik ins unappetitlichste, denkbar grässlichste Geschehen. Und das Regietheater weiß sich dem Stück verbunden, wühlt tief in Fruchtwasser, Blut und Psychoanalyse. Martin Kusej etwa, der mit Salome in Graz seine erste durchkomponierte Oper inszenierte, staffiert den legendären Tanz mit einer Unzahl nackter, krabbelnder Babypuppen aus: Früchte fortgesetzten Missbrauchs in ihrer konkretesten, ekligsten Gestalt.

In Frankfurt wiederum breiten Christoph Nel und sein Bühnenbildner Jens Kilian, bevor die Sache mit dem Kopf geschieht, lange Plastikbahnen über ein düsteres Kasinomobiliar: Achtung, es wird gleich dreckig.

Daphne hingegen, die bukolische Tragödie, spricht von vornherein mehr in irrenden, tastenden, stammelnden Tönen. Und am Essener Aalto-Theater mündet der Apollosche Kuss in eine rüde Vergewaltigungsszene. Der Gott nämlich - als tückischer Rinderhirte auf Erden wandelnd - umfängt die Nymphe mit seinem Zottelpelz, nimmt sie frech von hinten, einem Satyr, einem "brünstigen Stier" gleich. Und Daphne, die mit ihren Puffärmelchen und großen dunklen Augen noch ein rechtes Kind ist, weiß nicht, wie ihr geschieht. Ahnt nur, dass sich fortan alles ändert. Stakst - während die Musik ins Bodenlose, gleichsam Unterweltlerische sinkt - schwer traumatisiert, mit vorgestrecktem Hals, hochgezogenen Schultern und durchgedrückten Knien, durch den leeren Raum.