Die Gewaltbereitschaft ostdeutscher Jugendlicher, hatte Pfeiffer gesagt, sei vor allem eine Folge der DDR-Erziehung. "Die 'Gruppenerziehung Ost' habe Individualität und Kreativität unterdrückt, der Staat habe die Kinder und heutigen Jugendlichen zu Untertanen erzogen, die vor allem in der Gruppe funktionierten." Pfeiffer verwarf die Standarderklärung, die ausländerfeindliche Gewalt im Osten sei vor allem eine Folge von Arbeits- und Perspektivlosigkeit: Viele der Täter seien weder arbeits- noch perspektivlos. Zudem sollte seine These einige zusätzliche Tatsachen erklären: warum Gewalttaten gegen Ausländer in Ostdeutschland etwa viermal so häufig vorkommen wie im Westen und zu 55 Prozent aus der Gruppe heraus begangen werden, im Westen aber nur zu 20 Prozent.

Kindererziehung in der DDR sei immer noch ein Tabu, meinte Pfeiffer. Allerdings, schon 1990 hatte der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz in einer schleunigen Kollektivpsychoanalyse des ganzen DDR-Volks fast wortgleich, wenn auch viel wortreicher das Gleiche gesagt. Bei Maaz fand sich auch bereits jener Clou, ohne den keine Emotionen hochschlagen. In diesem Fall war es die "Töpfchenthese", ihrerseits ein ferner Niederschlag aus Freuds Theorie der "psychosexuellen" Entwicklung, die der "analen" Phase hohe Bedeutung für die Charakterentwicklung beimisst. Schon Einjährige, so Pfeiffer nun, seien in den Krippen der DDR zu festen Zeiten und gemeinsam auf den Topf gesetzt worden - ein Drill, eine "Vergewaltigung junger Seelen" mit verheerenden Folgen. Maaz' Diagnose war eine von jenem Schlag, der nie ganz falsch sein kann und alles wie nichts erklärt: "Gefühlsstau". Unter anderem führe er dazu, dass die aufgestauten Aggressionen an Ausgegrenzten abreagiert würden. Das Buch gleichen Titels war damals ein Bestseller gewesen. Pfeiffers Provokation bestand allein darin, dass ein Jahrzehnt später ein Westländer das alles noch einmal sagte. Nun verwendet Pfeiffer seinen Sommerurlaub auf eine Missionsreise in den deutschen Osten. Volle Säle sind garantiert.

Die Diskussion ist eher ein gekränkter Aufschrei denn ein Austausch von Argumenten. Müssen wir uns das von einem Besserwessi sagen lassen? Gibt es nicht auch im Westen ausländerfeindliche Ausschreitungen? Ist die berühmte westliche Erziehung zum Individualismus nicht nur eine zum Egoismus? Was ist denn so falsch an einer Erziehung zu Ordnung, Disziplin, Sauberkeit? Ist die Erziehung zum Gruppenzusammenhalt nicht gerade eine zur Verantwortung für die Gemeinschaft? So schlimm war die Erziehung bei uns nicht! Oder: Sie war so schlimm wie behauptet, aber mir persönlich hat sie jedenfalls nicht geschadet. Waren die abgerichteten Untertanen nicht die Gleichen, die ihre Unterdrücker dann abschüttelten? Hatte die repressive Erziehung sie also doch nicht gründlich und irreversibel deformiert? War das gruppenweise "Töpfen" für die Kleinen nicht eher unterhaltsam? Was sollten die Krippenbetreuerinnen denn ohne Pampers anderes machen als die Kinder auf den Topf setzen!

"Nun erklären Sie uns ausführlich und in Gottes Namen, warum der Gebrauch von Pampers nicht nur vor nassen Hosen schützt, sondern auch vor kriminellen Karrieren!", schleuderte die Gerwischer Bürgermeisterin Petra Michalski, CDU-Mitglied, in der Magdeburger Pauluskirche dem Professor aus dem nahen Hannover entgegen. In ihrem Einwurf artikulierte sich nicht nur der Protest gegen den Besserwessi, der schlechtmachte, worauf man in der DDR stolz gewesen war, die Krippenerziehung, die schließlich den Frauen die Berufstätigkeit ermöglicht hatte. Hier begehrte jemand gegen jenes uferlose Psychologisieren auf, das die Menschen in Ost wie West sonst so geduldig über sich ergehen lassen: Dieses oder jenes unerfreuliche Phänomen komme nur daher, dass ...

Asoziales Verhalten zum Beispiel erkläre sich aus der Art der Sauberkeitserziehung im frühesten Kindesalter. So könnte es sein. Aber ist es so? Mit dieser Frage verlässt man den öffentlichen Diskussionsraum, in dem alle Katzen grau und alle Theorien gleich gut sind, weil niemand sie beim Wort nimmt, bloße "Denkanstöße", von denen nur verlangt wird, dass sie irgendwie interessant wirken. Zunächst ist die "Töpfchenthese" aber nicht mehr als eine Spekulation: eine Hypothese in Erwartung ihrer wissenschaftlichen Beglaubigung. Diese kann nicht im bloßen Sammeln positiver Beispiele bestehen, die die Hypothese zu bestätigen scheinen. Beweiskräftig wären nur systematische Untersuchungen, die von vornherein so angelegt sind, dass die Hypothese auch widerlegt werden könnte. Für die "Töpfchenthese" gibt es bisher nicht den Schimmer eines solchen Beweises.

So mancher Populär-Psychologe verwickelt sich auf der Stelle in eklatante Widersprüche, die Rache der unterlassenen Gegenprobe. Ein anderer Grund für die Fremdenfeindlichkeit Ostdeutschland, so Maaz wie Pfeiffer, sei die Erziehung zum Feinddenken; die Glatzköpfe hätten nur den Klassenfeind gegen den Ausländer ausgetauscht. Aber genauso intensiv war die explizite Erziehung zum Freunddenken ("Völkerfreundschaft") - wieso blieb dann diese jahrzehntelange lückenlose Indoktrination so ganz und gar folgenlos, in der DDR und noch viel auffälliger im ehemaligen Jugoslawien? Und wieso war selbst die Erziehung zum Hass auf den Klassenfeind so wenig erfolgreich, dass das ganze Volk dessen Jeans tragen, dessen Autos fahren und dessen Zigaretten rauchen wollte und schließlich ganz zu ihm überlief? Auch in diesem Ost-West-Streit des Jahres 1999 einte die Gegner der implizite Glaube an die Allmacht von Erziehung. Wie repressiv die DDR-Erziehung wirklich war, ist umstritten. Unerschütterliche allgemeine Überzeugung ist hingegen, dass repressive Erziehung zu repressivem Verhalten führt; dass die autoritäre (fremdenfeindliche, gewaltbereite) Persönlichkeit durch autoritäre Erziehung entsteht - und eine andere Erziehung sie verhindern würde.

Auf diesem Grundkonsens fußte auch die große Erziehungsdiskussion im Westen, die vor mehr als dreißig Jahren begann. Auch damals lautete die Frage: Wie müssten die Kinder erzogen werden, damit aus ihnen keine potenziellen Faschisten werden? Insofern wirkt die gegenwärtige Debatte wie eine Wiederaufführung unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Allerdings ging mit der Diskussion damals ein großes pädagogisches Experiment einher, aus dem nicht weniger hervorgehen sollte als ein anderer, der Neue Mensch. Die antiautoritäre deutsche Spielart der alternativen Kindererziehung der 60er und 70er Jahre war stark theorielastig. Die Urquelle ihrer Theorien war das Forschungsprojekt "Soziale Diskriminierung", das Theodor W. Adorno und Else Frenkel- Brunswik mit einigen Kollegen im kalifornischen Berkeley mitten im Zweiten Weltkrieg begonnen hatten. Die Gruppe stellte bis heute aktuelle Fragen: Wie entsteht Antisemitismus, wie entstehen überhaupt Vorurteile? Wie entsteht Ethnozentrismus? Was macht den Menschen zu einem tatsächlichen oder potenziellen Faschisten? Die Antworten standen 1950 in dem dicken Buch Der autoritäre Charakter . Zunächst verwarfen die Autoren einige naive Ansichten: implizit, dass sich der Prä-Faschist lediglich ein paar falsche Meinungen zu Eigen gemacht hätte, die man nur korrigieren müsste; explizit, dass die Menschen ihren momentanen ökonomischen Interessen folgten, wenn sie als Konkurrenten erlebten "Fremden" feindselig begegneten; vielmehr widersprächen die ethnozentrischen Einstellungen oft den eigenen Interessen. Sie säßen tiefer als bloße einzelne Meinungen. Autoritarismus trete immer als ein ganzes Bündel von Einstellungen zu Familie und Gesellschaft auf. Wer Fremden feindlich gegenüberstehe, sei meist auch für einen starken Staat und für die Todesstrafe, und in seiner Familie geriere er sich als Despot. Autoritarismus sei eine Art Charaktersyndrom. Es gebe den "autoritären Charakter".