Woher aber kommt der "autoritäre Charakter"? Auf keinen Fall sei dieser angeboren. Woher also dann? "Charakter ist das Produkt der sozialen Umwelt der Vergangenheit." Aber Menschen aus sehr ähnlichen sozialen Umwelten haben doch sehr verschiedene Charaktere? Der entscheidende Faktor sei die frühkindliche Erziehung: Wer als Kleinkind von seinen Eltern autoritär (gefühlskalt, rigide, aggressiv) behandelt wurde, entwickele später selber einen autoritären Charakter, der dann nicht mehr belehrbar ist. Er verschiebe die eigentlich den Eltern zugedachten Rachegelüste auf Randgruppen der Gesellschaft. Warum aber sind die Eltern selbst autoritär? Weil sie konformistisch politische und soziale Einstellungen übernommen hätten, die ihren ökonomischen Interessen dienen und die in der Gruppe, der sie angehören, im Schwange sind. (Und vermutlich, weil sie ebenfalls autoritär erzogen worden waren.)

Wie wäre diesem sich selbst perpetuierenden autoritären Charakter also beizukommen? Der elterliche Erziehungsstil müsste ein anderer werden: "Im Grunde müssten Kinder nur wirklich geliebt und als Individuen behandelt werden." Wie aber bringt man autoritäre Eltern dazu, ihre Kinder unautoritär zu erziehen? Wer erzieht die Erzieher? Eigentlich wäre eine Massenpsychoanalyse nötig - ein Ding der Unmöglichkeit. So bleibe nur, "die sozialen Verhältnisse und Institutionen einschneidend [zu verändern]" - also, leise angedeutet, die politische Revolution als Ausweg. Was dann in den 60er und 70er Jahren als "antiautoritäre Erziehung" in die Schlagzeilen geriet, wollte ebenfalls mit einer Fusion aus Marx und Freud dem autoritären Charakter den Garaus machen, aber der Ton war schärfer geworden, schneidend. Unmittelbare Paten waren nicht die Autoren des Autoritären Charakters , sondern Herbert Marcuse mit seinen Pamphleten für "eine Kultur ohne Unterdrückung und Verdrängung" und insbesondere der Marxist und abtrünnige Freudianer Wilhelm Reich. Er steuerte vor allem seinen unbändigen Hass auf die Kleinfamilie bei, in der er die Wurzel aller gesellschaftlichen Übel sah. Der milde Ratschlag des Adorno-Kreises, man müsse seine Kinder nur lieben, stand nicht mehr auf der Tagesordnung. Jetzt ging es nicht mehr um un autoritäre, sondern um anti autoritäre Erziehung. Die Kinder sollten zu Menschen gemacht werden, wie es sie noch nie gab, feind jeglicher Autorität und damit (meinte man) notwendig marxistische Revolutionäre.

Voraussetzung für die wahrhaft sozialistische Revolution war in dieser Sicht die Auflösung der "völlig verrotteten" Familie, der "bedeutsamsten Sozialisationsinstanz des kapitalistischen Herrschaftssystem", die "durch autoritäre und lustfeindliche Erziehung den herrschaftskonformen, passiven bürgerlichen Charakter formt". So schrieb es 1969 die "Kommune 2" im Kursbuch 17 . An die Stelle der Familie sollte das Kollektiv treten. Vor allem sollten die Kinder dort "Autonomie und Widerstandsfestigkeit gegen die Erwachsenen entwickeln".

Entsprechend verbuchte es die "Kommune 2" triumphierend als Erfolg, ihren einzigen, dass die beiden Kommunekinder sich zunehmend an ihre Kita-Gruppe hielten und "die aggressiven Regungen gegen ihre Eltern aktiv [auslebten]": "Nessim, der früher keine Aggressionen gegen seinen Vater zu zeigen wagte, äußert heute offen seine negativen Affekte gegen Eike. Er schlägt ihn, will ihn erschießen oder äußert Todeswünsche, indem er ihm versichert: 'Du hast nur noch einen Tag zu leben.' Bei dieser Befreiung ... hat mit Sicherheit die Kindergruppe und die Kommune einen günstigen Einfluss gehabt." In den zum Schießen befreiten Nessims sah man froh die Vorboten künftiger revolutionärer Recken.

Bei den vielen Eltern, die ihre Kinder dann in antiautoritäre Kinderläden schickten, kam das "anti" der Botschaft stark verwässert an. Sie betrachteten die Kinderläden nicht unbedingt als sozialistische Kollektive und erwarteten nicht, dass ihre Kinder dort zu ihren Feinden erzogen würden. In ihre Erziehungsvorstellungen mischten sich die optimistischen Ideen des britischen Pädagogen A.S. Neill, dass Erziehung liebevoll und völlig zwangfrei sein sollte; die für ein Gemeinschaftsleben unerlässliche Disziplin würden sich die Kinder selber beibringen ("Selbstregulierung"). Erst in der deutschen Taschenbuchausgabe von Neills Buch über seine Schule Summerhill wurde seinen Ideen das damals hoch im Kurs stehende Etikett "antiautoritär" aufgeklebt. Was in Deutschland unter der falschen Flagge antiautoritäre Erziehung Siege errang, bestand vorwiegend aus ein paar Daumenregeln, die Adorno und Neill viel näher waren als Reich und seinen militanten Adepten: Du sollst dein Kind nicht verprügeln! Du sollst dein Kind nicht herumkommandieren! Du sollst deinem Kind nichts verbieten (es sei denn, es geht einfach nicht anders)! Du sollst dein Kind als autonome Person achten! Sei lieb zu deinem Kind! Irgendwie, hoffte man, werde solche "Kuschelpädagogik", wie ihre Verächter sie später nannten, den Kindern eine Menge Kinderunglück ersparen und sie vielleicht irgendwie auch zu besseren Demokraten machen, die nicht vor jeder Amtsperson kuschen. Fortschrittliche Linksliberale erziehen zu fortschrittlichen Linksliberalen, indem sie ein Minimum dessen einsetzen, was ihren Eltern einmal als Inbegriff jeder Erziehung gegolten hatte: Disziplinierung. Nicht wenige mussten erleben, dass ihr Neuer Stil nicht immer aufging - dass ihre Kinder zu den Spießern oder Karrieristen wurden, die sie selber um keinen Preis hatten sein wollen, zu Drogensüchtigen, zu Skinheads und jedenfalls zu etwas unvorhergesehen Eigenem. Auch darum ist das Thema, obwohl seit langem aus den Debatten verschwunden, bis heute von hoher Empfindlichkeit. Eltern, die vermeintlich "antiautoritären" aus dem Westen so wenig wie die vermeintlich "autoritären" aus dem Osten, lassen sich verständlicherweise ungern sagen, dass in ihrem Erziehungsstil vielleicht ein Wurm war. Merkwürdigerweise haben sich in Deutschland Sozialwissenschaft, Psychologie und Pädagogik nicht sofort auf das spektakuläre Experiment gestürzt, um systematisch zu eruieren, ob und inwieweit es ein Erfolg war.

In Deutschland scheint es bei einer einzigen empirischen, wenngleich reichlich von Marx, Freud, Marcuse und Reich überwucherten Studie geblieben zu sein. Franziska Henningsen verglich Anfang der 70er Jahre elf Kinder aus antiautoritären Kinderläden mit elf Kindern aus konventionellen Kindergärten und kam zu dem Ergebnis, dass die meisten der Kinderladenkinder etwas triebhafter, selbstsicherer, ideenreicher, einige aber überfordert waren. Die methodischen Mängel der Untersuchung waren indessen so eklatant, dass wenig auf sie zu geben war. Nicht nur waren die Unterschiede hauchdünn und elf Probanden etwas wenig, um signifikante Schlüsse zu ziehen. Vor allem hatte Henningsen unterlassen, alternative Erklärungen für ihr Resultat auszuloten; sie hatte nicht einmal nachgeprüft, welchem Erziehungsstil ihre Probanden zu Hause ausgesetzt waren.

Ganz anders machten es in Amerika Mark Rothchild und Susan Berns Wolf. In ihrem Land gab es die theoriegeladene deutsche antiautoritäre Erziehung nicht einmal als Wort. Aber es gab zur gleichen Zeit eine starke Gegenkultur, deren Anhänger davon überzeugt waren, dass Kinder zwangfrei aufwachsen sollten. Ihr fühlten sich Rothchild und Wolf zugehörig, und jahrelang reisten sie mit ihren eigenen beiden kleinen Kindern, einem alten VW-Bus und einem Zelt durch die Gegenkultur, um zu beobachten, was dort aus den Kindern der Protestjahre wurde. Sie fanden einige, die weder mit anderen Menschen noch mit sich selbst zurechtkamen und auf sie einen psychisch kranken Eindruck machten. In einigen Landkommunen dagegen fanden sie ungewöhnlich offene, heitere, selbstständige, verantwortungsvolle Kinder, wie sie sie draußen in der Mainstream- Gesellschaft nie angetroffen hatten. Wie wurden diese erzogen? Ohne äußeren Zwang in der Tat. Den Kindern wurden keine Vorschriften gemacht, sie wurden vor keinen Konflikten und Gefahren behütet, sie wurden nie getadelt und auch nie gelobt, sie waren keinen moralisierenden Räsonnements ausgesetzt, niemand sorgte sich um ihre Zukunft. Andererseits übten die Erwachsenen eine unablässige Gefühlskontrolle aus. Jeder achtete darauf, dass sich die Kinder in die Gruppe einordneten und jederzeit ehrlich, direkt, umgänglich waren. Die Erwachsenen respektierten die Kinder wie Erwachsene, ließen sich von ihnen aber genauso wenig bieten. Es herrschte also eine ungewöhnliche Mischung aus Freiheit und Disziplin. Den Kindern bekam sie offenbar gut. Allerdings schienen sie völlig auf ihre Kommune angewiesen und der Welt draußen wahrscheinlich nicht gewachsen. Rothchild/Wolfs Bericht jedenfalls sprach für die permissive so wenig wie für die autoritäre Erziehung. Er lief auf ein Lob des Dritten Wegs hinaus.