Je offener und durchlässiger eine Gesellschaft, desto höher werden die Erblichkeiten mancher Merkmale. Denn wo die Umwelt keine Unterschiede mehr erzwingt, ist die verbleibende Variation notwendig genetischer Herkunft. Man kann es auch so sagen: Jeder sucht sich die Umwelt, die seinen genetischen Anlagen am besten entspricht; je größer die Freiheit, die ihm die Gesellschaft dazu lässt (je größer also die Chancengleichheit), desto reiner sind etwa verbleibende Unterschiede das Werk der Gene. Der genetische Befund war vor allem darum so unwillkommen, weil er eine Einladung zum Fatalismus zu sein scheint. Wenn einer "es schon in den Genen hat", dann sei ja wohl nichts zu machen. Dazu gibt es mindestens dreierlei zu sagen.

Erstens regieren die Gene kein Schicksal streng deterministisch. Sie begründen nur Dispositionen, legen für bestimmte Chancen und Risiken Wahrscheinlichkeiten fest.

Zweitens sind genetisch verursachte Defekte und Defizite nicht grundsätzlich unkorrigierbar: Für eine ererbte Fehlsichtigkeit gibt es Brillen. Der Glaube an die unbegrenzte Erziehbarkeit des Menschengeschlechts andererseits kann sich nicht gerade auf überwältigende Erfolge berufen. Den Neuen Menschen haben bisher auch die hochgemutesten und rabiatesten Erziehungsanstrengungen nicht hervorgebracht. Eine falsche Diagnose kann nur eine falsche Behandlung nach sich ziehen. Die Vorbedingung dafür, irgendeinen Persönlichkeitszug des Menschen effektiv zu ändern, wäre ein realistisches Verständnis dafür, wie dieser sich im Zusammenspiel von Genen und Umwelt entwickelt.

Wenn - drittens - Persönlichkeitsmerkmale zu einem beträchtlichen Maß das Produkt eines genetischen Programms sind, so wird der Mensch sich in jeder Situation immer nur selbst wiederfinden. Aber seine Persönlichkeit, das Ensemble seiner Dispositionen, ist sehr viel breiter, als dass er sie in einer Lebenssituation je erschöpfend ausleben könnte. In einer anderen Situation findet er zwar auch sich selbst wieder, aber möglicherweise so, wie ihn bisher keiner gekannt hat, auch er sich selbst nicht.

Manche meinen, man müsse das alles von vornherein nicht ernst nehmen. Seit 125 Jahren schwinge das Pendel zwischen "Erbe" und "Umwelt" in und her, und die nächste Pendelbewegung, zurück zur "Umwelt", werde nicht auf sich warten lassen. Die Erblichkeitsberechnungen der Verhaltensgenetik sind jedoch keine Mode, die sich wieder verziehen wird. Sie haben jetzt dreißig Jahre Test auf Test bestanden, sind dabei immer raffinierter und nie widerlegt worden, obwohl der Mainstream der Wissenschaft auf nichts so erpicht war wie auf ihre Widerlegung. Welche Gene jeweils die wirksamen sind und wie sie wirken, ist ihnen nicht zu entnehmen. Aber die betreffenden Verwandtschaftskorrelationen, auf denen der Kalkül beruht, treten nicht durch Zufall auf. Wo es den Messwert "Erblichkeit" gibt, wird es auch die Allele geben, die sie hervorgebracht haben, und die Molekularbiologie hat angefangen, sie zu entschlüsseln.

Erblichkeiten um 0,5, wie sie für die meisten mentalen Eigenschaften berechnet wurden, sind nicht hoch und nicht niedrig; sie gelten als "mäßig". Und damit könnte man abermals versucht sein, zufrieden einen Punkt zu setzen: Na also, dann haben eben beide Seiten Recht gehabt im dreißigjährigen Erbe-Umwelt-Krieg. Auch hier käme die Freude zu früh. Zum einen nämlich gehören zu den nichtgenetischen Quellen von Varianz, die auf der Umweltseite zu Buch schlagen, auch Unfälle, (nichtgenetische) Krankheiten und alle die Einflüsse, denen der Fetus im Mutterleib ausgesetzt ist - Ursachen also, von denen man einige "biologisch" nennen würde und deren Folgen teilweise im Wortsinn "angeboren" sind.

Zum andern sind die Unterschiede im Genom die mit Abstand größte einzelne Varianzquelle. Die nichtgenetische Varianz erklärt sich dagegen aus vielen ganz verschiedenen Faktoren. Folglich hat kein einzelner von ihnen ein so hohes Gewicht, dass er allein dem genetisch bedingten Varianzblock Paroli bieten könnte. Die treibende Kraft hinter dem Jahrhundertstreit war die Frage, ob irgendeine Veränderung, die man an den Umweltbedingungen vornähme, dazu taugen würde, unerwünschte Varianz zu beseitigen, die dem Einzelnen oder der Gesellschaft zum Nachteil gereicht. Diese Frage ist beantwortet. Alle Patentrezepte, die mit "Man müsste nur ..." beginnen ("nur" die Armut beseitigen, "nur" alle auf gute Schulen schicken, "nur" lieb zu den Kindern sein), die sich also auf eine einzige und noch dazu hypothetische Umweltursache fixieren, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn sie überhaupt effektiv sind, dann jedes nur in geringem Maß.