Nicht nur, dass die entscheidenden Umweltfaktoren viele und verschiedene sind: Man weiß bis heute schlechterdings nicht, welche es eigentlich sind, man weiß nur, dass es jene nicht sein können, die die Sozialisationsforschung immer im Auge hatte.

Als die Versuchsanordnungen der Verhaltensgenetik in den 80er Jahren immer wählerischer wurden, ergab sich nämlich nebenbei ein Befund, den niemand gesucht oder erwartet hatte. Er kam für alle als ein Schock und ist bis heute nicht verkraftet. Verblüffenderweise zeigte sich in Adoptionsstudien, dass Kinder, die nicht miteinander verwandt sind, aber zusammen in einer Familie aufwachsen, einander in ihren messbaren Eigenschaften und Merkmalen kaum ähnlicher sind als beliebige Fremde. Eine gewisse Ähnlichkeit besteht dagegen zwischen ihnen und ihren in anderen Familien aufwachsenden, ihnen meist unbekannten leiblichen Geschwistern. Auf der anderen Seite ähneln sich eineiige, also genetisch identische Zwillinge, die zusammen in einer Familie aufwachsen, zwar stark, aber nicht völlig. Es muss also Umwelteinflüsse geben, die sie verschieden machen; das können jedoch nicht jene sein, die auf alle Mitglieder einer Familie gleichermaßen einwirken und sie einander angleichen. Man nennt diese Faktoren die "geteilte" - also der Familie gemeinsame - Umwelt. Im Falle der Adoptivkinder bewirkt die geteilte Umwelt so gut wie keine Ähnlichkeit; im Falle der getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillinge verhindert sie die geringen Unterschiede nicht. Nahezu alle Umweltfaktoren, die die Sozialisationsforschung im Verdacht hatte, gehören nun aber zu den geteilten: die Schichtzugehörigkeit, das Familieneinkommen, das Bildungsniveau, die Familiengröße, die Familienstruktur (Scheidung, alleinerziehende Elternteile), das Alter der Eltern, die familiäre Umgangsweise, die Religiosität, eine etwaige Depressionskrankheit der Mutter, die intellektuelle Stimulierung, die Zahl der Bücher im Haushalt ... Auch der Erziehungsstil, denn Eltern erziehen normalerweise nicht das eine Kind repressiv und das andere permissiv. Alle diese scheinbar großen, wichtigen, ausschlaggebenden Faktoren bringen die Unterschiede zwischen den Menschen also nicht hervor. Die Kinder könnten auch bei anderen Eltern aufwachsen, die ihnen ein normales Maß an liebender und leitender Fürsorge zuteil werden lassen, und gerieten keinen Deut anders.

Dass die geteilte Umwelt nur einen geringen oder keinen Unterschied macht, gilt allerdings nur für die normale Bandbreite von Familienumwelten. Vernachlässigung, Deprivation, Misshandlung, Traumatisierung liegen außerhalb dieser Bandbreite, und sie machen einen Unterschied. Dass der Glaube an die Macht der geteilten Umwelt zerstoben ist, darf darum niemand zu dem Schluss verleiten, es wäre egal, wie er seine Kinder behandelt. Aber welches sind dann die entscheidenden Umweltfaktoren? Sie sind bis heute das große Rätsel, und die nötigen Untersuchungen sind so komplex, dass es noch Jahre dauern wird, bis die ersten Antworten eingehen, die mehr als Spekulationen sind.

Es müssen Einflüsse sein, die die Kinder einer Familie unterschiedlich betreffen und sie einander unähnlich machen - "ungeteilte" eben. Sollte sich der reine lebensgeschichtliche Zufall als das Entscheidende erweisen, so wäre die auf Gesetzmäßigkeiten erpichte Wissenschaft in einer hoffnungslosen Lage. Ein Mädchen sieht mit zehn einen Naturfilm, der sie fasziniert, und verbringt den Rest des Lebens am liebsten in der einsamen Natur, die Schwester verpasst das Programm, weil sie an der Straßenecke auf ihre Clique gestoßen ist, und wird zum Disco-Typ ... Wäre es so (und eine gewisse Rolle spielen solche Zufälle sicher), dann ließen sich überhaupt keine systematischen Beziehungen zwischen Umweltbedingungen und Persönlichkeitsmerkmalen auffinden, und das Schicksal wäre die reine Lotterie. Wenn die geteilte Umwelt nicht den Ausschlag gibt, dann muss die ungeteilte es tun. Tatsächlich hat das Dilemma vielen Psychologen die Augen dafür geöffnet, dass die Eltern ihre Kinder durchaus nicht immer in allem gleich behandeln. Es kommt zum Beispiel vor, dass sie mit dem einen viel schäkern, mit dem anderen aber nicht - und in der Folge scheinen beide in verschiedenen Gefühlsumwelten aufzuwachsen. Eine andere Theorie, in den letzten Jahren besonders heftig propagiert von der amerikanischen Psychologin Judith Harris, verficht die Meinung, dass sich die eigentliche Sozialisation überhaupt nicht in der Familie abspiele, sondern in der Spielgruppe, der Clique, der Klasse, der Bande - also in der Altersgruppe.

Beide Möglichkeiten wirken plausibel. Die Frage ist nur, wie viel Umweltvarianz damit wirklich erklärt werden kann. Kinder sind nicht nur das passive Produkt von Erziehung; sie bestimmen von Anfang an mit, wie sie erzogen werden. Wenn die Eltern viel mit einem Kind schäkern, dann wahrscheinlich, weil es selber gerne schäkert; während das stille und ängstlichere Kind in einer ernsteren und verschlosseneren Umwelt lebt. Und wenn ein Kind in vielen Cliquen zu Hause ist und den Ton angibt, dann weil es mit einem extravertierten Temperament gesegnet ist. Das heißt, die verschiedenen Temperamente suchen und schaffen sich innerhalb wie außerhalb der Familie die Umwelt, die ihnen die gemäßeste ist. Und da das Temperament zu einem erheblichen Teil erblich ist, spiegelte sich in dieser Umweltvariation nur die genetische wieder.

Die wichtigen Fragen, auch die nach dem idealen Erziehungsstil, sind also noch offen. Antworten werden erst eingehen, wenn das Kriegsbeil begraben wird und Verhaltensgenetik und Sozialisationsforschung gemeinsam an ihren beiden Strängen ziehen.

Wenn also Erziehungsdetails wie das "Töpfen" von vornherein nicht erklären können, warum jugendliche Gewalttäter im Osten Deutschlands zahlreicher sind als im Westen - was ist dann die Ursache? Ehrlicher, als ad hoc irgendwelche cleveren Pseudogründe in die Debatte zu werfen, wäre es zuzugeben, dass wir die Ursachen nicht kennen. Immerhin lässt sich soviel sagen: Da Persönlichkeitsunterschiede weitgehend unter genetischer Kontrolle stehen, und da es keine besonderen Ost-Gene geben dürfte, kommen sie als Ursachen kaum in Frage. Diese sucht man besser im Gesellschaftlichen. Die relativ größere Perspektivlosigkeit der Jugend im Osten scheint mir immer noch ein guter Kandidat - in Verbindung mit der Eigendynamik von Gruppenprozessen. Da der Mensch mit und ohne Kollektiverziehung ein gruppenorientiertes Wesen ist, wird eine autoritäre Disposition nur in einem Umfeld Ausdruck finden, das sie bestätigt und perspektivelosen Jugendlichen für ihren Autoritarismus Integration und Anerkennung verspricht.