Hundert Jahre lang haben die verschiedensten Schulen der Psychologie Eltern Schuldgefühle aufgeredet, wann immer ihre Kinder Probleme bekamen: siehe die schizophreno- und sonstwas-gene Mutter der Psychoanalyse, das durch Verhätschelung deformierte Kind des Behaviorismus. Der Glaube an die Allmacht der Erziehung klang dann etwa so: "Eltern erschaffen ihre Kinder sowohl psychisch wie physisch ... Von ihnen lernt das Kleinkind, wie es denkt und spricht, wie es seine Erfahrungen deutet und benutzt, wie es seine Reaktionen beherrscht, wie andere Menschen zu beeinflussen sind. Kinder lernen von ihren Eltern, wie man sich mit den anderen stellt, wer einem gefällt und wen man nachahmt, wen man meidet und verachtet, wie man Zu- und Abneigung ausdrückt und wann man seine Reaktion unterdrückt. Wie die Eltern die Verstärkung einsetzen, ob Bestrafung oder Belohnung, ändert das Verhalten des Kindes und bestimmt seine künftigen Neigungen und Abneigungen" (Diana Baumrind). Wer das wörtlich nahm, konnte eigentlich nur auf Kinder verzichten. Wenn "kein Zornesausbruch ohne Einfluss auf das Kind" bliebe, da er sich später "wieder[findet] in seinem Charakter" (Neill), dann gäbe es nur verdorbene Charaktere. Und wenn der Mensch alles, was er ist, allein durch Erziehung würde, so hielte zudem nichts die Menschheit zusammen: Sie wäre fragmentiert in unzählige Erziehungssippen, unter denen es keinerlei Verständigung gäbe.

Es ist darum kein Verhängnis, dass der Mensch durch Erziehung gar nicht leicht zu veredeln oder zu verderben ist; dass er seine Identität zu einem nicht unerheblichen Teil schon besitzt, ehe er sich durch Erziehung zu erschaffen versucht.