Eigentlich läuft es doch super. Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz: In hellen Scharen drängen junge Menschen in Jan-Müller-Trainingsjacken, mit Arne-Zank-Kassengestellbrillen und Dirk-von-Lowtzow-Koteletten in die Volksbühne, um dabei zu sein, wenn Tocotronic aus Hamburg ihr neues Album live und vorab präsentieren. Das Wetter ist gut, die Bude voll, die Stimmung erwartungsfroh. Kameras sind auch da. Bloß Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow selbst tragen dunkle Hemden und sind nicht amüsiert. Jedenfalls nicht wirklich.

"Zwiespältig ist das richtige Wort", sagt Jan Müller später bei Keks und Cola. Dirk von Lowtzow behauptet zwar: "Man freut sich halt total, wenn das so vielen Leuten so viel bedeutet", wirkt dabei aber ziemlich unbegeistert.

Und Arne Zank, der Schlagzeuger, nickt wieder mal nur still mit dem Kopf, doch man versteht ihn auch so. Der Erfolg ist nicht nur ein Freund für sensible Rocker in ihren späten Zwanzigern. Wer bloß den Hit sucht, kommt darin um. Plötzlich bist du Programmschiene, im selben Verein mit Spaßkanonen wie Stefan Raab und Bands namens Echt. Gleich kommt der Werbeblock. Mit anderen Worten: Eigentlich läuft es super, das Problem liegt in der Eigentlichkeit selbst. Ein bißchen mehr, und es wäre supi supi. Und das wiederum wäre nicht mehr okay.

K.O.O.K. heißt Tocotronics fünftes Album, ein semantisches Feinmanöver in vier Buchstaben, zugleich eine Zustandsbeschreibung: Schwer liegt was darnieder in der Welt der Unterhaltung. Nicht wegzufeiern sind Stimmungslagen, in denen das Resthirn sich taub anfühlt bis zur Empfindungslosigkeit. Und Rock, einst die große Allzweckwaffe gegen das Übermaß an Nichtspaß in dieser Welt, dröhnt munter mit in der Riege. Man kann es drehen und wenden und vorwärts wie rückwärts buchstabieren - was einen anturnt, ist gleichzeitig die Faust aufs Auge. Ich bin k. o, du bist k. o.

Oder, wie Tocotronic es in ihrer neuen Hymne Let There Be Rock zu höhnischen Millenniumsendfanfaren ausdrücken: "Alles, was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag."

Es gab Zeiten, in denen dies einfacher schien. Noch Mitte der Neunziger, in den Anfängen von Tocotronic als Jungswunder des alternativen Rock, wurden Hass und Sehnsucht in niedliche Slogans gepackt: "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst", "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Michael Ende, du hast mein Leben zerstört" - viel zitierte, markenzeichenartige Minipoeme bereits im Titel, die sich auf T-Shirts drucken und stolz in der Stadt spazieren führen ließen. Das war okay, damals, aber doch auch nicht mehr als ein später, allzu später Widerhall des Punk, der letzten Schlacht mit klaren Fronten. Weswegen Tocotronic schon bald darauf in der Ja-aber-Welt einkehrten. Es ist egal, aber heißt das Wendepunktwerk von 1997: zäh-melancholisches Stammeln in den veralteten Idiomen der Rockmusik.

Keine Songs zum Mitgrölen, sondern Reflexion, Baby!