Dieter W. Liedtke ist mitteilsam wie viele Leute im Ruhrgebiet und ehrgeizig in der Welt unterwegs wie so mancher, dessen Vater noch unter Tage arbeitete. Man müsste darüber kein Wort verlieren, hätte sich der Mann aus Essen nicht einfallen lassen, worauf smarte Global Players unter den Ausstellungsmachern so noch nicht kamen: die Multimediaschau art open, eine "Weltkunstausstellung, die alle Grenzen sprengt" und keinen Eintritt kostet.

Die von Marketing-Poesie zugeschüttete Veranstaltung soll rund 10 Millionen, ohne öffentliche Subventionen, kosten. Liedtkes Geld steckt darin und das ungenannter Sponsoren, die hoffnungsfroh "die Entwicklung in der Bildenden Kunst von der Steinzeit bis zur Gegenwart" erleben wollten. Unterstützt hat das "World Event" eine seltsame Trias von Schirmherren: die spanische Königin Sofa, Michail Gorbatschow und Norbert Blüm. Überzeugt hatte sie der muntere Promotor davon, dass Kunst nicht exklusiv, sondern quasi als Kreativitätsreservoir für jedermann verständlich - und verwertbar sei. Grund genug für Neugier, vor allem auf Herrn Liedtke.

Der Mann ist ein Menschenfreund und kann sich das offenbar leisten. Seine erfinderische Fantasie machte ihn reich: Der 55-Jährige nennt Patente unter anderem für eine Selbsthaarschneidemaschine und luftgefederte Schuhsohlen sein Eigen. Dass seine Kreativität solcher Bodenhaftung auf Dauer nicht bedurfte, ließ ihn zum bildenden Künstler mit eigenem Museum auf Mallorca werden. Es geht Liedtke nun um Höheres: um die Kunst, die Zukunft, ferner um das Glück eines Publikums in den Essener Messehallen.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Das wusste schon Karl Valentin.

Kunst regt an und schafft Erkenntnisse, das weiß Liedtke. So kommt die Welt voran, und - schwupp - hilft ein Erklärungsmodell à la Beuys, jedwede Kunst als Motor des Ganzen für jedermann verständlich zu machen: "Leben + Bewusstseinserweiterung = Kunst". Schön gedacht und - so Liedtke - ganz einfach vor Bildern zu erfahren.

Der Mann ist von seiner Mission erfüllt. Er glaubt einfach nicht daran, dass das Museum sinnreiche Vermittlung von Kunst leisten kann. Da er beschlossen hat, dass Museen nur für elitäre Zirkel da sind, muss er seinen eigenen Träumen von der Wirkungsmöglichkeit von Kunst nachgeben: Alle sollen nun mit dran glauben. 500 000 Besucher, wenn nicht mehr, erwartet der gut gelaunte Innovator während der kommenden Wochen: "Ein Geschenk für die Vaterstadt" - von Essen an die Welt.

Die Stadt selbst hält sich zurück. Auf dem Messegelände sucht man lange nach art open. Und möglicherweise steht Liedtke bald ziemlich irritiert da. Was tun, wenn man die Welt beglücken will, und keiner geht hin? Ein Wunder wäre es nicht. Theater-, Video-, Musik- und Talk-Show-Programme sind zwar ausgedruckt. Nicht vorhanden jedoch war zur Eröffnung alles, was der eigentlichen Konzeption folgte: keins der angekündigten grafischen Tableaus zur Kunst, ja wandweise nicht mal Kunst. Und kaum Besucher, die man schon deshalb dringend benötigte, weil sie sich doch kreativ ins Kunstgeschehen einmischen sollten. Ausgestellt sind, aus mancherlei Kulturen und Epochen, reihenweise Bilder: konventionell nebeneinandergereiht. Irgendwo in dem Kunsterlebnis-Reservat aus Ikonen, 19.-Jahrhundert-Porträts, einem roten Malewitsch-Quadrat und Nachkriegskunst traf man auch eine lebende Voodoo-Tanzgruppe. Wer die geliehen hatte, war nicht ersichtlich. Die Hauptleihgeber waren staunenswert genug: Überraschend stellte sich das russische Museum St. Petersburg als sehr großzügig heraus. Gefällig waren auch das Bonner Kunstmuseum und das Wuppertaler Von der Heydt-Museum sowie die Weimarer Kunstsammlungen. So gelang es deutschen Museen, in der kruden Messehallen-Mischung ihre eigene Vermittlertätigkeit leichtfertig ad absurdum zu führen.