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Der Dackel und ich haben eines gemeinsam - unser Rücken ist nicht gemacht für dieses Leben. Der Hund wurde Opfer von Qualzüchtern. Vier Stummelbeine schleppen einen zigarrenförmigen Rumpf - das verbiegt dem Teckel das Rückgrat. Ich dagegen bin ein Opfer der Evolution. Mein Kreuz ist - das gilt für alle Menschen - die schmerzlichste Fehlkonstruktion seit Erfindung des aufrechten Gangs vor etwa vier Millionen Jahren.

Das Übel legte mich erstmals bei einer tiefen Rückhand flach. Einen Sommer später traf mich der zweite Hexenschuss, und zwar beim Versuch, die Waschmaschine meiner Schwiegermutter die Treppe hochzuwuchten. Was mit zwei Schmerzbeben begonnen hatte, steigerte sich. Als ich zwei Jahre später mit Straßenschuhen auf nassem Gras Fußball spielte, da explodierte mein Rücken: Einschlag im fünften Lendenwirbel - es war der Anfang einer Leidensgeschichte mit ungewissen Ausgang.

Dass Kreuzschmerzen ein Massenphänomen sind, gehört zu den ersten Lektionen des Novizen. In der überfüllten Praxis unseres Orthopäden flehten und fluchten wir Rückenpatienten, wenn wir wieder einmal drei Stunden lang warten mussten. Meine erste Krankengymnastikstunde fiel aus, weil mein Therapeut kurzfristig erkrankt war - Vorfall der Bandscheibe. Einem Kollegen, mit 1,95 Meter Körperlänge ein echter Risikopatient, schoss es vergangene Woche ins Kreuz, als er sich beim Wickeln über sein Töchterchen beugte. Frau und Schwiegermutter trugen den lahmen Koloss zum Arzt, der ihn per Spritze von seinen Qualen befreite. Thomas Gottschalk ereilte das Schicksal kurz vor "Wetten, dass ...?" am vergangenen Samstag auf Mallorca. Die TV-Show konnte der Moderator nur durchstehen, weil ihm der "Bayern-Doc" Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und später ein mallorquinischer Arzt Schmerzmittel spritzten.

Solche Schicksale addieren sich zu einer Last, deren Ausmaß im vergangenen Jahr erstmals berechnet wurde. Danach verursachen 31 Millionen Behandlungsfälle der Kategorie "Rückenschmerz" jedes Jahr etwa 34 Milliarden Mark Kosten. Die Bandscheibe ist damit die teuerste Scheibe des Gesundheitssystems - und aus ärztlicher Sicht die einträglichste.

Zwischen den Wirbeln sitzen 23 dieser kostbaren gallertartigen Puffer. Sie federn Erschütterungen ab und machen das Rückgrat erst beweglich. Die auch Zwischenwirbelscheiben genannten Stoßdämpfer werden nicht durch Blutgefäße mit Energie und Nährstoffen versorgt. Stattdessen ernähren sie sich wie ein Schwamm. Die Scheiben werden bei jedem Schritt zusammen- und so ausgepresst. Wenn sie sich wieder ausdehnen, saugen sie Nährstoffe auf, und zwar viele tausend Mal am Tag.

Aus diesem Schwammprinzip leitet sich die Mahnung aller Krankengymnasten ab, von der die meisten erst hören, wenn es schon gekracht hat: "Die Bandscheibe lebt von der Bewegung!" Joggen (auf federndem Geläuf), Radfahren (mit dem richtigen Lenker, ohne krummen Buckel) und Schwimmen (nicht Brust) gehören zu den Sportarten, die wir alle lieber vor dem großen Knall getrieben hätten. Sie massieren die Bandscheiben und halten sie länger geschmeidig.

"Bewegungsmangel, zu langes, zudem häufig nicht richtiges Sitzen im Auto, Büro und vor dem Fernseher, Übergewicht, und falsche Bewegungsmuster tragen folgerichtig dazu bei, dass es durch Fehlbelastung der Bandscheiben zum vorzeitigen Verschleiss kommt", entnehme ich dem Buch Bandscheibenleiden: Was tun? , einem jener Ratgeber, denen eine reuige Käuferschar sicher ist.

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Dass Stehen schonender sei als Sitzen, gehört zu den Mythen der Rückenkunde. Das zumindest will Hans-Joachim Wilke, Biomechaniker an der Universität Ulm, voriges Jahr herausgefunden haben. Er schob einem Kollegen einen Drucksensor zwischen den vierten und fünften Lendenwirbel. Der Proband widmete sich dann Alltagstätigkeiten, er putzte Zähne und staubsaugte, schlief und saß. Verblüffendes Ergebnis: Der Druck in den Bandscheiben ist im Sitzen keineswegs höher als im Stehen. Und sich auf dem Stuhl zu lümmeln ist besser, als das Kreuz durchzustrecken. Das Stehpult habe aber nicht ausgedient, meint Wilke. Dynamischer Wechsel zwischen Stuhl und Pult halte die Bandscheiben fit.

Doch selbst wer alle Tipps beherzigt, kann den Niedergang nicht aufhalten. Denn bereits vor dem 20. Lebensjahr beginnen die Scheiben zu altern. Sie verlieren Flüssigkeit und werden dünner. Dadurch rücken die Wirbel näher aneinander, der Druck auf die kleinen Wirbelgelenke steigt. Einstmals mühelose Bewegungen schmerzen plötzlich; Facetten-Syndrom nennt man das weit verbreitete Leiden.

Besonders aber schaden Drehungen und Scherkräfte. Wenn man mit rundem Rücken einen Kasten Bier hebt und sich dabei seitlich dreht, dann grenzt das an Selbstverstümmelung. Allein beim falschen Heben steigt der Druck im Puffer von 5 Bar (entspanntes Stehen) auf 23 Bar, hat Wilke gemessen, das ist mehr als das Zehnfache des Drucks eines Autoreifens. Hinzu kommen zermürbende Drehkräfte. "Die Rotation zerstört die Bandscheibe", sagt Kurt Schöppe, Orthopäde am Evangelischen Waldkrankenhaus in Bonn. "Das ist so, als ob man mit einem Autoreifen immer wieder den Bordstein hoch- und runterfahren würde."

Wie ein Pneu besteht auch die Bandscheibe aus verschiedenen Komponenten. Ein sehniger Ring umschließt einen weichen Kern. Verschleiß kann den Faserring zerstören, die Scheibe besteht dann nur noch aus einem Wabbelknorpel ohne Innenspannung. Wie ein halb aufgepumpter Reifen kann sie sich vorwölben (Protrusion) und gegen eine Nervenwurzel des Rückgrats stoßen. Beim Vorfall (Prolaps) reißt der Faserring sogar. Der Scheibeninhalt quillt hervor und kann gegen einen Nerv drücken, der die Beine versorgt. Oftmals spüren die Patienten neben Schmerzen deshalb ein taubes Gefühl am Bein, schlimmstenfalls kommt es sogar zu Lähmungen und Blasenstörungen, sodass ein operativer Eingriff unausweichlich ist.

Doch welche Operation ist die richtige? Kein Patient trifft mehr Wunderheiler und Quacksalber als der Rückenkranke. Auch in der Schulmedizin kommen und verschwinden die Operationsmethoden in hohem Tempo. Jeder Orthopäde hält sich selbst für den größten - und die Kollegen für Scharlatane. Wenn überhaupt, dann kontrollieren die Ärzte nur die Folgen ihrer Lieblingsmethode - entsprechend vorgefasst ist ihr Urteil. Die Gruppe um Lori A. Vrbos an der Loyola-Universität in Chicago hat 4000 Arbeiten zum Thema "Wirbelsäule" untersucht. In über der Hälfte der Publikationen werden Standards übergangen oder missachtet. Langfristige und unabhängige Ergebniskontrollen fehlen.

Der neueste OP-Schrei sind cages (englisch für Käfige). Diese Metallzapfen werden meist zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel verankert. Sie sollen das Rückgrat stabilisieren und dadurch den Schmerz vertreiben.

Ohne jede Ergebniskontrolle werden Bandscheiben entfernt

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"Man ist erstaunt, wie manche Verfahren trotz großer wissenschaftlich begründeter Vorschusslorbeeren in die Unbedeutsamkeit versinken", schreiben Kurt Schöppe und drei Kollegen im Deutschen Ärzteblatt (Nr. 9/99, S. 548) über den Bandscheibenvorfall. Sie haben Hunderte Studien mit insgesamt 20 148 Patienten ausgewertet und die wichtigsten Operationsmethoden verglichen. Bei der offenen mikroskopischen Bandscheibenoperation eröffnen die Chirurgen durch einen Schnitt den Zugang zum Wirbelkanal und entfernen das hervorgequollene Gewebe. Bei der Chemonukleolyse wird den Patienten ein Enzym zwischen die Wirbel gespritzt, das die krankhafte Bandscheibe teilweise auflöst. Und bei der perkutanen Nukleotomie schließlich werden die Instrumente durch einen Einstich vorgeschoben. Der weiche Inhalt der Scheibe wird entfernt, manchmal per Laser.

Das Ergebnis der Erhebung ist erschreckend. Zwar lasern, schneiden und ziehen hiesige Ärzte jedes Jahr an den Bandscheiben von etwa 60 000 Menschen herum. Doch bisher fehlt jede Qualitätskontrolle, welche Methode einen Nutzen hat. Mehr noch, es erscheint fraglich, ob die Entfernung der Bandscheibe überhaupt etwas hilft. Im Ärzteblatt-Artikel liest sich das so: "Zusammenfassend können wir daher sagen, dass die vorliegende Literatur die Wirksamkeit des Therapieprinzips des ungezielten Entfernens von Bandscheibengewebe aus dem Bandscheibenfach, unabhängig davon, welche technische Methode angewandt wird, nicht nachweist." Manche müssen jedoch operiert werden, eben wenn eine Lähmung oder Blasenstörung vorliegt oder die Schmerzen anders nicht mehr verschwinden. Dann sei die offene Methode die beste.

Umgekehrt liefern bei den meisten Rückenpatienten weder Röntgenbild noch Computertomogramm den leisesten Hinweis auf eine Vorwölbung oder andere Auffälligkeiten. Und dass zwei Ärzte ein und dasselbe Röntgenbild völlig unterschiedlich deuten, ist ein weiteres Kreuz, an dem Rückenpatienten zu tragen haben.

"Ihre Bandscheiben sind kaputt. L 4 wölbt sich vor, Prolaps an L 5", sagte mir der Arzt, bei dem ich stundenlang im Wartezimmer vor Schmerzen gestanden hatte. Er schickte mich in ein Reha-Zentrum, wo Masseure, Sportlehrer und ein Orthopäde aus mir wieder einen Menschen gemacht haben. Doch der Reha-Arzt stellte nach kurzem Blick auf meine Röntgenaufnahmen eine ganz andere Diagnose: "Tut mir leid. Ich kann beim besten Willen keinen Vorfall erkennen." So bleibt der schmerzhafte Vorfall in meinem Rücken ewiges Geheimnis meiner Bandscheiben.