Buchpreisbindung bleibt ein Reizwort für deutsche Verleger und europäische Kartellwächter. Was hat das nun mit den Principles of Economics zu tun? Das Werk von Alfred Marshall war 1890 das erste Buch in England, das zum festen Nettopreis auf den Markt kam. Ein wagemutiger Schritt vom Verleger Sir Frederick Macmillan. Neun Jahre später wurde die Buchpreisbindung in England offiziell eingeführt.

Das ursprünglich von Marshall (1842 bis 1924) auf zwei Bände angelegte Werk war von Anfang an ein voller Erfolg. Dass die erste Auflage innerhalb eines Jahres vergriffen war, verdankten die Principles vor allem der - auf den ersten Blick - bestechenden Einfachheit. Der Autor, Ökonomieprofessor in Cambridge und zuvor in Bristol und Oxford, wollte sein Werk nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von jedem Geschäftsmann gelesen und verstanden wissen. Deshalb verbannte er große Teile des mathematischen Gerüsts in Fußnoten und umfangreiche Anhänge. Dabei waren es - neben dem ökonomischen Gesamtbild - nicht zuletzt die mathematischen Grundlagen, die sein Werk groß machten, auch wenn Marshall dies immer wieder leugnete.

Als die Principles entstanden, befand sich der ungezügelte kapitalistische Wettbewerb auf seinem Höhepunkt. Es bildeten sich Kartelle und Trusts, Monopole entstanden. Mit der Hochindustrialisierung änderten sich die Produktionsbedingungen entscheidend; eine neue Form der Arbeitsteilung und große Zahlen von Arbeitern mussten organisiert werden.

"Das wertvollste Kapital ist das in Menschen investierte"

Weil Marshall die Mängel der Totalanalyse erkannt hatte, wie sie bis dahin unter Ökonomen üblich war, kümmerte er sich ums Detail, um von dorther auf das Ganze schließen. So zog er seine Erkenntnisse in den Principles nicht zuletzt aus Besuchen in Betrieben und engen Kontakten zu Geschäftsleuten und Arbeitern. Indem er sich mit verschiedenen Themen der Organisation beschäftigte, wurde Marshall auch zum Motor der sich nach der Jahrhundertwende herausbildenden Betriebswirtschaftslehre. So behandelte er in den Principles Themen wie Arbeitsteilung, Konzentration spezialisierter Industrien, Massenproduktion oder Management.

Marshall sah im Unternehmer - im businessman - die wichtigste Figur im Wirtschaftsleben. Er meinte aber nicht den bezahlten Manager, sondern den Eigentümer. Denn das Eigeninteresse, "das private Geschäftsleben fördert am wirksamsten die Aufmerksamkeit, die Erfindungsgabe und die Beweglichkeit". Marshall glaubte an den "fortschrittlichen Kapitalismus" und plädierte für den sozialen Aufstieg der unteren Klassen in die Unternehmerschaft. Deshalb sah er in der Bildung auch eine nationale Aufgabe.

Das Kernstück der Principles ist das V. Buch. In diesem Teil beschäftigt er sich mit der Analyse des Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage. Eine allgemeine Theorie des Gleichgewichts hätte nur eine Wiederholung der Idee von Leon Walras (ZEIT Nr. 29/99) sein können. Aber die Verbindung der unternehmerischen Realität und der Theorie war Marshalls Errungenschaft. Er erfasste die Idee des Gleichgewichts, in dem alle Faktoren der Wirtschaft sich wechselseitig beeinflussen und im Gleichgewicht halten. Anders als Walras, in dessen Theorie alle Faktoren zeitlich wirken, berücksichtigte Marshall die Zeitverzögerung, in der sich Angebot und Nachfrage anpassen, um zum Gleichgewicht zu kommen. So unterschied er Perioden und Preise: die sich sofort und unmittelbar ergebenden Marktpreise; die normalen Preise, die sich in der kurzen Periode (short run) bilden, in der sich das Angebot der Nachfrage bei den existierenden Produktionsanlagen und der vorhandenen Belegschaft anpasst; und schließlich die Preise, die erst nach einer langen Periode (long run) zustande kommen, nachdem Produktionsstrukturen verändert wurden.