Scheinheiligkeit regiert die Welt, und die Welt fährt gut damit. Bischof Lehmann, Jürgen Trittin und viele andere exponierte Persönlichkeiten machen uns das dankenswerterweise vor - mit Hilfe der Wörter Schein und heilig , die aus dem Urschlamm der Sprache emporgequollen sind, dort wo der Sumpf am tiefsten ist. "Schein" bedeutet zugleich sein Gegenteil, und "heilig" ist etymologisch von "Heil Hitler!" schwer zu trennen.

Lichtschein, Glanz, Schimmer, Helligkeit - das ist des einen Wortes harmlose Urbedeutung (Sonnenschein). Kühn, aber noch verständlich, haben unsere Ahnen daraus den zweiten Wortsinn abgeleitet: etwa, worauf ein Lichtschein fällt und fallen soll - Schein, Bescheinigung, Beleg, Attest und Urkunde (Geldschein, Trauschein, Totenschein).

Unsere Gene sind auf Lug und Trug programmiert.

Darf man einem Scheintoten einen Totenschein ausstellen? Hinter dem Toten ist der Schein ein Dokument, vor ihm ein Trugbild. Beim Heiligen ähnlich: Hinter ihm entsteht durch den Schein ein Himmelslicht (Heiligenschein), vor ihm die Scheinheiligkeit - dieselbe, die schwangeren Frauen den Scheinberatungsschein ausstellt. Durch diesen kühlen Einblick in die Logik der Sprache gestählt, wenden wir uns dem Heiligen zu. Es kommt von heil , das einerseits "ganz, gesund, frei von Krankheit oder Wunden" heißt (heilfroh ist, wem es gelingt, mit heilen Gliedern in einer heilen Welt zu leben) und sich andererseits von dem germanischen Wort haila ableitet, dem Zauber, dem günstigen Vorzeichen.

In der Gesundbeterei des Medizinmanns laufen die beiden Ursprünge zusammen, ebenso in dem Heil, das man seinem Kaiser oder diesem Hitler wünschte: Heil Dir im Siegerkranz! Dass sich heil! auch als Befehlsform des Verbums heilen lesen lässt, ermöglichte im Dritten Reich den riskanten Witz: "Heil Hitler! - Heil du ihn, ich kann's nicht."

Heilig hieß dann "Heil habend, Heil bringend" - ein Wort, das die frühchristlichen Missionare im heidnischen Deutschland prägten und für sich in Anspruch nahmen. Luther unterschied die wahren von den scheinenden Heiligen und bereitete damit der Wortverbindung scheinheilig den Boden, die sich (höchste Zeit!) im 17. Jahrhundert herausbildete.

Warum eigentlich löst dieses Wort in den meisten von uns einen Schauer der Empörung aus? Wenn uns eine Partei vor den Wahlen für die Zeit danach das goldene Zeitalter verspricht, falls wir ihr zum Sieg verhelfen, so ahnen wir doch alle, dass sie da manche Fata Morgana in den Himmel schreibt. Aber selbst der komplette Bruch wesentlicher Wahlversprechen nach der Wahl wirft uns nicht um.