Eyes Wide Shut

Eyes Wide Open,

Traumnovelle

Denn Stanley Kubrick

Discovery

2001

Tom Cruise, den Mantel in der Hand, einen dunklen Umhang um die Schultern, tritt durch die Tür eines Hauses in den Wäldern vor New York. Von drinnen hört man Gesang. Der Portier fragt nach dem Losungswort. "Fidelio." Cruise darf passieren. Er setzt eine weiße Maske auf und geht in den Salon.

In der hohen, mit orientalischen Säulen geschmückten Halle stehen zwölf schwarz gekleidete Gestalten im Kreis um einen Kapuzenmann in Rot, eine Art Priester. Er schwingt seinen Stab, und die zwölf Novizen lassen ihre Kleider fallen. Es sind Frauen, und sie sind nackt, bis auf die Masken, die ihre Gesichter verhüllen. Der Priester klopft auf den Boden, und die Nackten verlassen eine nach der anderen den Kreis, greifen sich einen der maskierten Zuschauer, die das Geschehen umringen, und schreiten mit ihrem neuen Partner am Arm aus dem Saal, in die Gemächer des Palastes.

Tom Cruise steht am Rand und sieht zu, atemlos. Da nähert sich ihm eine nackte Frau, die schönste von allen. Die stummen Lippen ihrer Maske küssen sein maskiertes Gesicht, und sie zieht ihn mit sich fort. "Sie sind in großer Gefahr. Gehen Sie, bevor es zu spät ist." Aber Cruise will bleiben und schauen. Er sieht verkleidete Paare, die auf Sesseln und Tischen miteinander kopulieren, Masken, die sich an Masken ergötzen, und andere, die ihn selber anstarren, fragend, misstrauisch, drohend.

Dann ist es zu spät. Cruise wird ergriffen und in die Halle geführt, wo ein maskierter Richter auf ihn wartet. "Das Losungswort?" - "Fidelio." - "Das ist die Eintrittslosung. Wie lautet die Losung des Hauses?" - "Ich habe sie vergessen." Die Masken murren. Der Kreis um Cruise schließt sich. Der Richter fordert ihn auf, sich auszuziehen. "Oder sollen wir es für Sie tun?" Da, plötzlich, ruft eine Stimme von oben: "Halt!" Es ist die Schöne von zuvor. "Nehmt mich!" Die Masken wenden sich um ...

Halten wir die Geschichte kurz an, um Atem zu holen. Und vergessen wir einen Augenblick lang, dass es sich bei der Szene, in der Tom Cruise vor dem Gericht der Masken steht, um den Höhepunkt aus Stanley Kubricks letztem Film Eyes Wide Shut handelt, dem Abschluss eines legendären Lebenswerks. Diesen Moment des Vergessens wollen wir benutzen, um eine simple Frage zu stellen: Woran kann man erkennen, dass jene Szene im Jahr 1997 spielt, im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts? Am Rot der Roben? Am Schwarz der Mäntel? Am warmen Fleischton der nackten Körper? An den verzierten Säulen, den kristallenen Lüstern, den samtenen Draperien? An den Stellungen, in denen die Paare einander umarmen?

Nein. Nicht hieran und nicht daran. Und auch nicht an der Kamera, die mit vollkommener Ruhe das Geschehen umkreist, lauernd, geduldig, ohne Hast. Und auch an nichts anderem. Denn diese Szene trägt keine zeitliche Signatur. Sie hätte genauso vor 10, vor 20, vor 30 Jahren gedreht werden können. Die Welt, in der sie spielt, gehört nicht der Gegenwart an, sondern einer unbestimmten Vergangenheit, die sich jenseits unserer Erfahrung ihre eigenen Räume geschaffen hat. Sie hat einen Ort, aber keine Zeit. So wie der ganze Film.

Als Stanley Kubrick Anfang März im Alter von 70 Jahren starb, erlosch der Bann, der uns zu seinen Lebzeiten vor den Enthüllungen seiner Freunde und Mitarbeiter bewahrt hatte. Jeder, der über den ganz privaten Stanley etwas mitzuteilen hatte, brachte es jetzt zu Papier.