Im Kirchenkampf gegen die Nazis war er mit Rat und Tat unentbehrlich

Unabhängig von seiner erfolgreichen Arbeit für die Ruhrindustrie, eröffnete sich Heinemann zu Beginn des "Dritten Reiches" ein Betätigungsfeld, das sich der junge Student nicht hätte träumen lassen: Er beteiligte sich an dem Widerstand der Bekennenden Kirche gegen den Machtanspruch der nationalsozialistisch orientierten Deutschen Christen. Es war dies eine der erstaunlichsten Wandlungen in seinem Leben. Zu verdanken hatte er sie seiner Frau Hilda, Tochter eines bremischen Großkaufmanns, die er 1922 während seiner Referendarzeit in Marburg kennengelernt hatte. Ihre Mutter entstammte einer Schweizer Pfarrersfamilie, sie selber, die Lehrerin werden wollte, studierte neben Germanistik und Geschichte auch Evangelische Theologie und machte ihr Examen bei dem fortschrittlichen Theologen Rudolf Bultmann.

Ihr Mann war damals Freidenker, allerdings kein Kirchenfeind. Es dauerte noch Jahre, ehe er einmal seine Frau in die Kirche begleitete. Aber nicht allein ihre sanfte, geduldige Art konnte ihn dazu bewegen, sondern eher war es wohl das Vorbild des Gemeindepfarrers Paul Graeber, den er während der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre kennen lernte. Als Prediger bevorzugte dieser, wie später auch der Politiker Heinemann, ein Deutsch ohne Geschwafel, verständlich für jedermann. Graeber schuf für Arbeitslose ein Bauernhaus, den "Hoffnungskotten", wo er selber oft mit Hand anlegte. Wenn man so will, war diese Bekanntschaft für Heinemann ein Damaskus-Erlebnis.

Jedenfalls freundeten sich die beiden an, und Heinemann wurde ein tätiger Christ, bald Presbyter (Kirchenvorstand) der Gemeinde.

So geriet er mitten hinein in den Kirchenkampf. Anfang 1933 rebellierten einige rheinische Pfarrer, unter ihnen Paul Graeber. Er verlor sein Pfarramt, doch die Gemeinde hielt zu ihm. Freund Heinemann pachtete einen Saal in der Essener Börse, besorgte 800 Stühle, eine Kanzel und ein Harmonium. Fortan gab es innerhalb der Landeskirche eine "Freie presbyterianische Gemeinde des Westens".

Der Jurist Heinemann wurde bald mit Rat und Tat im Kirchenkampf unentbehrlich. 1934 hat er als Synodaler zusammen mit dem Theologen Karl Barth, damals Professor in Bonn, die berühmte "Barmer Erklärung" der Bekennenden Kirche mitentworfen, die nach 1945 in die evangelischen Kirchenordnungen übernommen wurde. Die einzelnen Synoden wurden künftig durch "Grüne Blätter" auf dem Laufenden gehalten. Vervielfältigt wurden sie nächtens bei Heinemanns im Keller, im Spielzimmer der Kinder, immer mit dem Risiko, dass die Gestapo ihnen auf die Spur käme.

Im Jahre 1938 schied Heinemann aus der Bekennenden Kirche aus und beschränkte sich ganz auf die Arbeit in seiner eigenen Gemeinde, wo er nun auch selber Predigten hielt. An einer politischen Widerstandsbewegung hat er sich nie beteiligt. Insofern bezog er die Stuttgarter Schulderklärung des neu gegründeten Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom Okober 1945, dem er als Nichttheologe angehörte, auch auf sich. Es heißt dort: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden ... wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."