Doch der 51-jährige Exminister wollte noch nicht aufs Altenteil. Zusammen mit dem jungen Assessor Diether Posser machte er eine Anwaltspraxis in Essen auf.

Zunächst aber hatte der Kampf gegen die Remilitarisierung Vorrang. Gemeinsam mit der Zentrums-Vorsitzenden Helene Wessel begründete er eine überparteiliche Notgemeinschaft für den Frieden Europas, der sich Gleichdenkende aus allen großen Parteien anschlossen. Daraus ging 1952 die Gesamtdeutsche Volkspartei hervor, die schon 1953 in den Bundestag einziehen wollte. Zu ihrem Pech führte Bonn zuvor die Fünfprozentklausel ein. Da die GVP aus eigener Kraft diese Hürde nicht meistern konnte, verbündete sie sich mit dem vom Osten geförderten Bund der Deutschen, der sogar einen Teil der Wahlkosten übernahm. Das Wahlergebnis - klägliche 1,2 Prozent - riss die GVP-Anhänger aus allen Illusionen. Heinemann wurde als Spinner oder gar als Staatsfeind verunglimpft. Verfassungsschutz und Gehlens Bundesnachrichtendienst observierten ihn jahrelang. Überdies wählte die EKD ihren Präses ab.

Unvergessen: Seine Fernsehrede nach dem Attentat auf Rudi Dutschke

Schließlich fand Heinemann bei der SPD eine neue politische Heimat, zusammen mit ein paar hundert Anhängern, unter ihnen so vielversprechende junge Leute wie Erhard Eppler Johannes Rau und Diether Posser. Ohne dass die Öffentlichkeit es zur Kenntnis nahm, spezialisierte sich das Anwaltsbüro Heinemann auf politische Prozesse, um zu Unrecht bestraften Kommunisten, Kriegsdienstverweigerern, Zeugen Jehovas und anderen Randgruppen zu helfen.

Kontakte mit der DDR wurden dazu benutzt, Hunderten die Ausreise in den Westen zu ermöglichen.

Eine neue, sehr erfolgreiche Karriere begann, als Heinemann 1966 als Justizminister in die Regierung der Großen Koalition einzog. Der in der Regel sehr kritische, kürzlich verstorbene Professor Theodor Eschenburg zählte Heinemann neben Gustav Radbruch zu den ganz wenigen überragenden Justizreformern in Deutschland. Mit atemraubendem Tempo säuberte Heinemann das Strafrecht von überholten Relikten des Obrigkeitsstaates. Wer weiß heute noch, dass er es war, der bis dahin strafbare Bagatellverstöße im Straßenverkehr in Ordnungswidrigkeiten umwandelte, im Strafvollzug die Zuchthausstrafe beseitigte, die Freiheitsstrafen unter sechs Monaten erheblich verringerte und Möglichkeiten einer Bewährungsstrafe erweiterte?

Trotz massiver Proteste von allen Seiten hat Heinemann zuletzt auch noch die Strafvorschriften für Ehebruch, Homosexualität unter Erwachsenen und Sodomie abgeschafft. Er verteidigte sein Vorgehen mit der These, dass nicht alles, was sittlich unerlaubt sei, in einer freiheitlichen Demokratie auch bestraft werden müsse. Und Heinemann war auch der Erste, der sich für die Gleichberechtigung unehelicher Kinder einsetzte.