Roger de Weck konstatiert, es sei gemütlich, die Wirklichkeit zu ignorieren.

Gegen Rudolf Augsteins Rezension ist nun freilich zu sagen, dass der ZEIT-Autor durchaus etwas Richtiges gesehen hat. Jedoch: Wer eigentlich ignoriert die Wirklichkeit, wenn die deutliche Mehrheit der Bürger das Land nicht als Einwanderungsland sieht oder, ungleich deutlicher: nicht sehen will? Wer ignoriert die Wirklichkeit, wenn er eine völlig verfehlte, weil rein akademische Diskussion um den Ausländerzuzug am Laufen hält in dem Glauben, damit "Toleranz" zu fördern? Weiter: Schon längst hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung die Einsicht durchgesetzt, dass die in den Sechzigern postulierte "Bildungskatastrophe" im Gefolge von ideologisierter Reformpädagogik und unverantwortlichem Sozialgehabe nun tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. Mit der Forderung nach einer neuen "Kultur der Anstrengung" rennen endlich wach werdende Politiker hier offene Türen ein.

Roger de Weck weist allerdings - es ist dies ein Verdienst - auf ein desaströses strukturelles Problem hin: Den Politikern, die verantwortlich und stellvertretend zu handeln haben oder zu handeln hätten, ist mitunter in vielfältiger Hinsicht der Blick auf die Wirklichkeit, die Befindlichkeit ihrer Wähler verstellt. Daran mag auch absurd missverstandene Political Correctness und/oder kalkulierte, kurzfristig populistische Ausrichtung schuld sein oder schlichtes Desinteresse am Wählerwillen. Dies gilt es zu bedauern, anzuprangern und zu ändern.

Frank Storm, Münster

Fast jedes Wort des Leitartikels könnte man unterschreiben - nur: Der Autor unterläßt jeden Hinweis auf den Kern des "deutschen Rätsels" - die eigene Geschichte und die nicht vergehenden Vergangenheiten. Das Grauen zweier Diktaturen macht es tatsächlich schwer, ohne Widersprüche sich der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zuzuwenden. Die vorherrschende, von den Medien inszenierte Political Correctness verhindert jede rationale Betrachtung. Die Walser-Bubis- wie auch die Holocaust-Mahnmal-Debatten waren nur letzte Beispiele. Tabus, statt sich neuen Wirklichkeiten zu stellen, Verlängerung alter Positionen statt Perspektivenwechsel!

Dirk Hansen, Lüneburg