die zeit: Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, hat bei seinem Besuch in Havanna daran erinnert, dass es Deutsche waren, die den Sozialismus und den Kommunismus erfunden haben. Nach 40 Jahren Erfahrung mit diesem System in der früheren DDR hätten sich die Deutschen jedoch klar entschieden: für den freien Wettbewerb und gegen eine staatliche Lenkung der Wirtschaft. Kuba hat indessen am Sozialismus festgehalten. Bleibt es dabei - auch im 40. Jahr nach dem Sieg der Revolution?

Carlos Lage: Kuba hält am Weg des Sozialismus fest. Wir sehen keinen Grund, ihn aufzugeben. Der Sozialismus hat für die Kubaner Gesundheit, soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Würde und vieles mehr bedeutet. Die Zukunft vieler Länder Lateinamerikas und der Dritten Welt ist indessen unsicher. Die achtziger Jahre waren für unseren Kontinent ein verlorenes Jahrzehnt. Wenn man heute von den jüngsten wirtschaftlichen Erfolgen Lateinamerikas schwärmt, bezieht man sich nur auf makroökonomische Begriffe. In Wirklichkeit erreichte man erst im Jahre 1995 wieder das Pro-Kopf-Einkommen von Ende der siebziger Jahre. Aber das könnte sich bald ändern. Für 1999 erwartet man sogar ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts.

Gleichzeitig sind die Armut und die Ungleichheit gewachsen. Dies geschah in jenen Ländern ohne eine Blockade, wie wir sie seit bald 40 Jahren erleben, und trotz der Finanzierungsmöglichkeiten, über die sie im Gegensatz zu uns verfügen.

zeit: Kuba stand zu Beginn der neunziger Jahre am Rande des Kollaps, Menschen hungerten ...

Lage: Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Untergang der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre bedeuteten für uns den Verlust von 85 Prozent unseres Außenhandels. So mussten wir zwischen 1989 oder - genauer - zwischen 1991 und 1994 einen Rückgang unseres Bruttosozialprodukts um 34 Prozent hinnehmen. Wir konnten durchhalten und beginnen jetzt, uns zu erholen. Wir haben bedeutende Veränderungen in der kubanischen Wirtschaft vorgenommen. Wir haben den Dollar als konvertierbare Währung neben der Inlandswährung zugelassen und ausländische Investitionen in Joint Ventures mit kubanischen Staatsunternehmen erlaubt. In zahlreichen Berufszweigen wurde die Arbeit auf eigene Rechnung genehmigt, und man intensivierte die landwirtschaftliche Produktion auf Kooperativen- und Familienbasis, die heute einen Anteil von mehr als 60 Prozent hat.

zeit: Eine neulich in der Financial Times publizierte Analyse spricht von einem 13-prozentigen Wachstum zwischen 1995 und 1998 ...

Lage: Es waren 3,5 Prozent im Jahresdurchschnitt. Das ist nicht sehr viel. Es sollte höher sein. Eines jedoch muss man trotzdem anmerken: In Kuba gibt es keine Kapitalflucht, da das Eigentum in staatlicher Hand ist, weswegen der Reichtum gerecht verteilt wird. Das Bevölkerungswachstum beträgt weniger als ein Prozent. Deshalb bedeutet jeder Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts in unserem Fall sehr viel mehr als in anderen Ländern. Ein weiterer Beleg für die Stabilisierung unserer Volkswirtschaft ist auch die Kursentwicklung des Peso gegenüber dem US-Dollar. Kostete 1994 ein US-Dollar 150 kubanische Pesos, so sind es heute nur noch 20. Und wir haben das ganz aus eigener Kraft und ohne jede Unterstützung einer internationalen Finanzorganisation geschafft. Die von den USA über unser Land verhängte Blockade bedeutet auch, dass wir keinen Zugang zu anderen Finanzmärkten und damit zu langfristigen Krediten haben. Die Weltbank und der Internationale Weltwährungsfonds werden von den USA beherrscht. Sie blockieren auch ein Schuldenabkommen im Pariser Club der Gläubigerstaaten. Ohne dieses Schuldenabkommen können wir aber keine langfristigen Finanzmittel von anderen Wirtschaftsnationen bekommen.