Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Konkursvergehens und Betrugs. Ob die Ermittlungen auf Müller ausgedehnt werden, der immerhin parlamentarische Immunität genießt, wird derzeit geprüft.

Je nachdem, was die Staatsanwälte finden: wenn die Republik keinen neuen Sparkassenskandal bekommt, wird zumindest ein Lehrstück über die Kalamitäten des öffentlich-rechtlichen Kreditwesens in Deutschland zu sehen sein.

Sparkassen sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Sie sollen breite Bevölkerungskreise sowie kleine und mittlere Unternehmen am Ort mit Krediten versorgen und anständige Zinsen auf Spareinlagen zahlen. In ihren Verwaltungsräten sitzen lokale Politiker, die auf diese Dinge achten. Die Kommunen haften als Gewährträger für die Geschäfte der Sparkassen. Die Banken der kleinen Leute sind also leicht verstrickt in lokale Politikinteressen.

Sie sind anfällig für ein hässliches Phänomen: Man nennt es Filz.

Die Sparkasse in Kiel ist ein bisschen so wie alles in Kiel: ziemlich am Rand von Deutschland gelegen, sehr gediegen, ein wenig betulich und einigermaßen überschaubar. Der Vorstandschef heißt Thieß Beiderwieden, und zu den viel genannten Namen im deutschen Kreditgewerbe gehört er bisher nicht. Dem Verwaltungsrat dagegen sitzt ein Mann vor, den man immer noch kennt: Norbert Gansel, seit zwei Jahren Oberbürgermeister in Kiel, war einmal ein Hoffnungsträger der Sozialdemokraten in Bonn. Unter anderem tat er sich als "gläserner" Politiker hervor - der Bundestagsabgeordnete legte stets seine Vermögens- und Einkommensverhältnisse offen. Über Jahre nahmen die Geschäfte der Sparkasse unspektakulär ihren Gang. Die Bilanzsumme wuchs auf zuletzt 5,6 Milliarden Mark, der Jahresüberschuss kam 1998 auf mäßige 12 Millionen Mark.

Im vergangenen Winter aber geschah Irritierendes: Eine unvermutete Prüfung des schleswig-holsteinischen Sparkassen- und Giroverbandes offenbarte, dass das Institut auf einem Haufen fauler Kredite saß. In nur zwei Jahren waren die Wertberichtigungen um 70 Millionen Mark gewachsen - auf insgesamt 107,5 Millionen Mark. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen war alarmiert.

Viel Wind machte die Sache dennoch nicht. Die Kieler Nachrichten meldeten den Vorgang nur kurz. Hausintern gab der Vorstand am letzten Arbeitstag vor Weihnachten eine Anweisung an die Mitarbeiter in Umlauf, in der er monierte, "Nachlässigkeiten in der Sachbearbeitung erhöhten die Risiken, insbesondere im Kreditgeschäft". Bei Schlampereien drohte er "die arbeitsrechtlich gebotenen Sanktionsmöglichkeiten" an. Hinter den verschlossenen Türen des Verwaltungsrates aber kam man mächtig ins Grübeln. Den gläsernen Gansel trieb die Sorge um, dass zu vieles öffentlich werden könnte. Der Kreditausschuss hatte jahrelang recht sorglos Darlehen ausgereicht und Kreditlinien erweitert, ohne auf hinlängliche Sicherheiten zu sehen. Die Liste der Kreditnehmer liest sich wie das Who's who des Kieler Mittelstands.