Johan Gustav Knut Wicksell war eindeutig ein Anhänger stabiler Preise: "Menschen, welche ein steigendes Preisniveau dem festbleibenden vorziehen, erinnern an Leute, die ihre Uhren absichtlich vorgehen lassen. Sie gewöhnen sich daran und kommen trotz ihrer Pfiffigkeit doch zu spät."

Das Bekenntnis zur Preisstabilität legt der schwedische Nationalökonom in seinem Buch Geldzins und Güterpreise ab. Es ist - neben den Schriften Über Wert, Kapital und Rente sowie Vorlesungen - das wichtigste und wohl auch bekannteste in Wicksells reichhaltigem ‘uvre. Trotz herausragender wissenschaftlicher Pionierleistung wäre die Studie fast unbemerkt in der Versenkung verschwunden. Die Ursache: Das Buch des Schweden erschien 1898 in Jena auf Deutsch. Deswegen nahmen es die angelsächsischen Ökonomen kaum zur Kenntnis, und die in Deutschland damals vorherrschende Historische Schule interessierte sich nicht für das Wicksellsche Thema: die Schwankungen des Preisniveaus. Erst als die Studie über die den Tauschwert des Geldes bestimmenden Ursachen, so der Untertitel, 1936 auf Veranlassung von John Maynard Keynes ins Englische übersetzt wurde, gewann sie an Bedeutung.

Geldzins und Güterpreise ist im Stile eines Essays geschrieben. Auf den rund 180 Seiten setzte der Autor trotz seiner mathematischen Kenntnisse nur sparsam Formeln ein. Angeregt von den Problemen Schwedens und anderer europäischer Länder, die zu seiner Zeit eher mit deflationärer als mit inflationärer Entwicklung zu kämpfen hatten, beschäftigte sich Wicksell vordringlich mit der Frage, wie in einer Volkswirtschaft Preisstabilität erreicht werden könnte. Und wie misst man am besten die Kaufkraft des Geldes? Wicksell schlug einen Warenkorb vor, dessen Bestandteile nach den verbrauchten Mengen gewichtet werden sollten und dessen Zusammensetzung sich mit den Verbrauchsgewohnheiten ändern sollte; zum Warenkorb gehörten auch Dienstleistungen, für heutige Ökonomen eine schlichte Selbstverständlichkeit.

"Banken sind nicht dazu da, recht viel Geld zu verdienen, sondern dem Publikum zu dienen."

In seinem Buch hat Wicksell nicht nur den Weg gezeigt, den Ursachen von Preisschwankungen auf die Spur zu kommen. Seine Methode kann auch heute noch dazu genutzt werden, die Dynamik von Konjunkturschwankungen zu erklären. Deshalb gilt er manchen heutigen Wissenschaftlern sogar als Gründer der modernen Makroökonomie.

Wicksell widersprach der Auffassung, dass Inflation und Deflation allein von der Geldmenge bestimmt werden - nach dem schlichten Muster: Ist das Geld knapp, sinken die Preise; gibt es zu viel Geld, steigen sie. Um nachzuweisen, dass auch der Gütermarkt die Stabilität des Geldwertes beeinflusst, führte er in seiner Theorie den "natürlichen Zins" ein: Das ist der Gewinn, den ein Unternehmer erwartet, wenn er in ein Projekt investiert. Oder, wie es Wicksell formulierte: Der natürliche Zins ist das, "was man mit Geld in der Hand verdienen kann oder verdienen zu können hofft". Damit stellte er heraus, dass die Erwartung ein wichtiges Motiv für wirtschaftliches Handeln ist.

Ist der Zins der Banken, zu dem sie Geld verleihen, niedriger als der vom Unternehmer erwartete Gewinn, lohnt sich die kreditfinanzierte Investition: Der Unternehmer nimmt Darlehen auf, kauft Produktionsmittel und stellt Arbeitskräfte ein. Durch die gestiegene Nachfrage ziehen dann aber die Preise an und - wegen des erhöhten Geldbedarfs - auch der Geldzins. Der Prozess setzt sich so lange fort, bis natürlicher Zins und Geldzins dasselbe Niveau erreichen. Weil jetzt den Unternehmer keine Zusatzgewinne mehr locken, hört er auf, die Produktion auszuweiten.