Ein Sample ist wie ein Geist, ein Echo. Der Ruf nach den Geistern von gestern findet im Sampling aus dem digitalen Gedächtnis des Computers seine modernste Entsprechung, eine Geisterbeschwörungsmaschine mit unendlichen Dimensionen, vom Zitatenspuk bis zum Tanz im diffusen Dunkel kaum mehr zu verortender Erinnerungen.

Der Kölner Techno-Produzent Wolfgang Voigt benutzt Sampling nicht, um Originale zu zitieren. Seine Referenzpunkte liegen außerhalb des angestammten angloamerikanischen Bezugsrahmens von Pop - und meist auch außerhalb des Wahrnehmungsspektrums der potenziellen Hörer elektronischer Tanzmusik.

Während beispielsweise seine Polka Trax Bestandteile von Polka als einfachen Technobeat wiedergeben, erscheinen die Streicher und Hörner aus Werken von Wagner, Berg, Mahler und Schubert, die er für sein Projekt Gasverarbeitet, plakativer, ja beinahe malerisch. Nur mehr als hintergründiges Geflecht schiebt das sehr verlangsamte Bumbum der Bassdrum wallende Klangflächen an - doch die romantischen Motive sind nur angedeutet, melodische Strukturen zerstäuben zu gasförmig über den Rhythmus gleitenden Soundwolken, die sich in Wiederholungsschleifen zu Strudeln drehen.

Königsforst heißt die aktuelle CD von Gas, auch für den Vorläufer mit dem anspielungsreichen Titel Zauberberg galten dieselben Ziele: die konkreten Klangquellen beim Sampeln so zu bearbeiten, bis sie, von ihrer ursprünglichen Bedeutung befreit, als entindividualisierte Muster in einen neuen emotionalen Kontext eintreten. Was bleibt, ist Atmosphäre. Doch im Unterschied zu Klassik- und Streichersamples, wie sie von der Werbung bis zum Japanpop als leeres Stereotyp eingesetzt werden, wirkt das Atmosphärische, die Gashülle jenseits des Beabsichtigten fort wie ein Tröpfchenpartikel, Materie in gasförmigem Zustand.

Wolfgang Voigt schafft mit dieser Materie kollektive Räume, in denen man sich bei zu punktueller Betrachtung nur verirren würde: Es geht weder um die Brisanz kulturgeschichtlich gegensätzlicher Referenzpunkte von Wagner bis Berg, noch darum, diese im Einzelnen mit modernsten technischen Mitteln ästhetisch gegeneinander aufzurechnen. Auch wenn Wolfgang Voigt im Zusammenhang mit seiner Arbeit oft von der Suche nach einer "neuen genuin deutschen Popmusik" spricht, die sich den "schlechten provinziell deutschen Kopien der geliebten angloamerikanischen Vorbilder" entgegenstellt: Das spontane Gemisch gewisser musikhistorischer Elemente in der schwebenden Leichtigkeit der Gas-Sounds oder den bauklotzartigen Minimalismen seiner rein perkussiven Stücke ist als musikalische Reflexion eindringlicher und vielschichtiger als der theoretische Diskurs, der sich daraus ergeben mag.

Aus der Spannung zwischen persönlich Erlebtem und dessen Spiegelung im Kollektiven lässt Wolfgang Voigt eine ästhetische Sprache entstehen, die die popkulturelle Vergangenheit ausdehnt bis in die Romantik und Klassik. Sie verfolgt Spuren und verwischt sie im Echo des Techno-Loops. Pop, der nicht nur chronologisch tiefer greift: In feinen Schattierungen variieren die Helldunkeleffekte von Horn- und Streicherobertönen und sehr tief tönenden elektronischen Verzerrungen - wie die Lichtreflexe im Blätterdach jenes deutschen Waldes, den der Kölner als visuelles Motiv auf dem CDCover beschwört. Kein Bäumezählen, stattdessen die gemeine Vorstellung von Wald, wie sie sich in unseren Köpfen von den Gebrüdern Grimm bis zu Humperdinck verdichtet hat - der rechtsrheinische Königsforst als semantisches Urexemplar -, projiziert in ein schmales aktuelles Musikumfeld. Wie hört, wie fühlt sich das an, hier und jetzt.

In der ohnehin widersprüchlichen Situation, in der die Popmusik sich heute befindet, gleichzeitig als Unterhaltungsware im hohen Maße allgemeinverständlich und -gültig und als soziokultureller Kontext zumindest zeitweise nur für jeweils bestimmte Gruppen lesbar zu sein, nimmt ein Musiker wie Wolfgang Voigt nochmals eine Sonderstellung ein: indem er musikhistorisch eindeutige Zeichensätze erst klangtechnisch entindividualisiert und sie dann in den allgemeinen Rahmen moderner Popmusik stellt, den er aber mit einer sehr persönlichen ästhetischen Vision definiert. Eine Dreifachwendung, die die problematische Vorstellung von "genuin deutscher Popmusik" in ein anderes Licht setzt. Aus den feinsinnigen musikalisch-atmosphärischen Brechungen von Gaslassen sich nicht so einfach hegemoniale Merkmale ablesen wie etwa aus der musikalischen Brachialpolemik der ostdeutschen Band Rammstein.